Freitag, 1. März 2013

Beipackzettel ganz heiß

Zurzeit lese ich viel. Über Depression natürlich. Meist mache ich das im Zug auf dem Weg zur oder von der Arbeit. Das sind ca. 40 Minuten pro Tag. Da ist in der letzten Zeit Einiges zusammengekommen – an Lesezeit und an Büchern. Auch in dem Buch, das ich heute angefangen habe, heißt das erste Kapitel sinngemäß „Die Depression und ihre Symptome“. Ich überblättere dieses Kapitel. Ich weiß bestens, was drin steht. Ich erlebe es jeden Tag. An und mit Paula.

Neben den üblichen Hauptverdächtigen wie Freud- und Gefühllosigkeit, Verzweiflung, Angst (vor diesem Tag, seinen Anforderungen und/oder vor der Zukunft), übersteigerten Befürchtungen, Grübeln, Selbstvorwürfen, Minderwertigkeits- und Schuldgefühlen oder Hilfs- und Hoffnungslosigkeit stehen dort: Zittern, starke Erregung, schwere Überempfindlichkeitsreaktionen, Blässe, Schlaflosigkeit, Nervosität, Kopfschmerzen, Verdauungsstörungen, vermehrtes Schwitzen, Sehstörungen, Schwäche, Konzentrationsprobleme, verminderte Libido, Menstruationsschmerzen, Appetitmangel, Teilnahmslosigkeit, Migräne, häufiges Wasserlassen, Muskelschmerzen und Suizidgedanken. Das habe ich alles schon (mindestens) einmal gelesen.

Auf der Garderobe liegt ein Zettel. Er fällt mir sofort ins Auge. Denn erstens ist er rot. Zweitens steht eine befremdliche Nachricht drauf. Paula hat sie an unser älteres Kind gerichtet: „Holst du bitte mit diesem Abholschein dieses Medikament für mich in der Apotheke ab.“ Der Abholschein ist weg. Stattdessen liegt – drittens – „dieses Medikament“ daneben: Citalopram. Ein Antidepressivum. Paulas erstes. Sie war heute bei Ihrer Ärztin.

Jetzt ist Paula bei einer Freundin. Ich mache Feuer im Kamin, setze mich aufs Sofa, nehme mir die Zeitung und starre die Titelseite an. Dann starre ich zu der Medikamentenschachtel hinüber. Die Kinder sind schon im Bett. Trotzdem sehe ich mich um, ob nicht jemand im Wohnzimmer umherschleicht. Ich nehme die Packung zwischen Daumen und Zeigefinger. Vorsichtig, misstrauisch. Was steht drauf? Welche Farbe hat das Logo? Welche Firma stellt das Präparat her? Ich nehme nichts davon wahr. Obwohl ich die Schachtel seit Minuten in meiner Hand drehe und wende. Ob ich es schaffe, den Beipackzettel in den Originalzustand zurückzufalten, nachdem ich ihn studiert habe? (Blödsinn, das schafft man nie.) Ich zögere. Eine Sekunde nur. Dann nestle ich die Klappe an der Schachtelunterseite auf und den Beipackzettel heraus. Er ist gut und gerne 15 Zentimeter breit und 45 lang. Ach du Schande!

Mein Blick huscht über die in Augenpulver gedruckte Litanei pharmazeutischer Informationen für Anwender. Beim Absatz „Nebenwirkungen“ bleibe ich hängen. Seltene, gelegentliche, häufige und sehr häufige gibt es da. Und zwar: Zittern, starke Erregung, schwere Überempfindlichkeitsreaktionen, Blässe, Schlaflosigkeit, Nervosität, Kopfschmerzen, Verdauungsstörungen, vermehrtes Schwitzen, Sehstörungen, Schwäche, Konzentrationsprobleme, verminderte Libido, Menstruationsschmerzen, Appetitmangel, Teilnahmslosigkeit, Migräne, häufiges Wasserlassen, Muskelschmerzen und Suizidgedanken. Das habe ich alles schon (mindestens) einmal gelesen.

Mit zittrigen Händen versuche ich, den Beipackzettel in seine Ursprungsfaltung zurückzuzwingen. Keine Chance. Ich spurte nach oben. Zum Bügelbrett. Ich pople den Beipackzettel irgendwie in ein schachtelkompatibles Format. Mit dem maximal aufgeheizten Bügeleisen presse ich das dünne Papier auf scharfe Kante. Im Wohnzimmer knödle ich es in die Packung. Ich kehre zur Zeitung zurück. Den Leitartikel schaffe ich gerade so. Dann starre ich wieder diese Packung an. Ich lege die Zeitung auf meine Knie. Ich starre diese verdammte Packung an. Ich habe die Arme jetzt vor der Brust verschränkt. Ich starre. Ich lausche in das Dunkel des Treppenhauses. Niemand schleicht herum. Paula ist weg. Ich verharre. Dieses verdammte Medikament.

Mein Blick geht hinüber zum Feuer im Kamin.

Kommentare:

  1. Ich hab meine Antidepressiva damals weggeworfen, als mir klar wurde, dass die Dinger einfach nur dafür sorgten, dass ich noch mehr abstumpfte, noch weniger fühlte als ohnehin schon. Nur war es mir durch die Pillen egal geworden. Auch kein schöner Zustand. Vielleicht helfen sie Paula stabil zu werden, aber eine Therapie, in der sie lernt ihre Gefühle wieder zuzulassen und Belastendees zu verarbeiten, wird ihr sicher noch viel mehr bringen.

    AntwortenLöschen
  2. Hallo! Lieben Dank für deine Zeilen. Gerade heute Morgen haben Paula und ich darüber gesprochen, ob sie die Tabletten nehmen will/soll. Mit genau derselben Begründung, die du nennst, möchte es Paula es nicht: Die Wahrnehmung abdämpfen, ohne (möglicherweise) an die Wurzel des Übels zu gehen bzw. in einer Therapie ein Instrumentarium an die Hand zu bekommen, das ihr hilft, die Dinge zu verarbeiten. Interessanterweise zeigen wissenscahftliche Studien, dass eine (Gesprächs-)Therapie (ganz gleich welcher Ausprägung) mindestens die gleichwertig Wirkung haben wie Medikamente. Wobei Letztere generell als nicht besonders effektiv bewertet werden. Wir sehen zu, dass Paula sobald wie möglich in eine Klinik kommt. (Klingt so negativ. Ist es aber gar nicht. "Kur" wäre sicher ein treffenderer Begriff.) LG PK

    AntwortenLöschen
  3. Ich möchte meine Medikamente nicht mehr missen, im Moment .... Meine Therapeutin lehnt Medikamente strikt ab ... eigentlich! Aber wenn der Sumpf zu tief ist, hilft so eine Serotoninausschüttung schon sehr .... Es hat acht Wochen gedauert, aber ich fühle mich wie ein anderer Mensch. Nicht gelähmt oder abgestumpft, sondern lebendiger denn je .... Placeboeffeckt? Vielleicht! Mir egal! Ich fühle mich so so so gut, wie nie und mit diesem Gefühl kann ich an eine Therapie rangehen und stark werden. So sehr bis ich auch die Tabletten nicht mehr brauche.

    AntwortenLöschen