Montag, 25. Februar 2013

Götterspeise

Schräg, schräg, schräg. Dieses Wochenende ist schräg. Eine Berg- und Talfahrt. Am Freitag komme ich ziemlich spät heim. Im Büro steppt der Papst im Kettenhemd. Ende nächster Woche haben wir eine wichtige Präsentation. Je später ich freitags heimkomme, desto übellauniger wird Paula. Das weiß ich. Punkt. Schließlich hat das ältere Kind Training. Einer von uns fährt hin. Der andere holt ab. Das ist der Deal. Dazu gehört, dass ich so rechtzeitig heimkomme, dass ich abholen kann. Ich komme rechtzeitig. Aber spät.

Paulas Laune steht wie pappige Götterspeise in der Küche. Sie macht „Garfield“-Lasagne – einfach, schnell und viel. Das mögen die Kinder. Ich sage „Hi“. „Wie geht’s?“, frage ich nicht. Das soll man depressive Menschen nicht fragen, habe ich gelesen. Sie antworten dann mit „Gut“ oder „Geht schon“. Immer offene Fragen stellen, das wird empfohlen. Und loben. „Hey, Garfield! Lecker. Was hat der Tag gebracht?“ frage ich.

Paula sprudelt los. Sie hat Panik vor der kommenden Woche. An keinem Abend sei sie zuhause. Montag Elternabend, Dienstag Kurs halten in der Klinik, Mittwoch Spätschicht, Donnerstag Chorprobe. Von Freitag bis Sonntag ist sie auf einem Kongress. Uff. Mir dämmert: Der Rest des Wochenendes ist auch Götterspeise. 

Trotz Frühschicht mit einer Überstunde ist Paula am Samstagnachmittag zwar müde und unkonzentriert, aber ganz gut drauf. Wir spielen Würfeln mit dem jüngsten Kind. Da läutet das Telefon: Das ältere Kind hat sich beim Auswärtsturnier einen Kapselriss an einem Fingergelenk zugezogen. Der Trainer sei mit ihm auf dem Weg ins Krankenhaus. Klebrige Sauce zur Götterspeise. (Letztendlich ist es nicht so schlimm, wie wir erfahren, als das Team wieder zu Hause einläuft.)

Heute stehe ich in der Küche und brutzle das Stifado. Am Abend habe ich keine Zeit dafür. Paula und ich planen, zum Tanztee zu gehen. Paula kommt herein. Lehnt sich an den Küchenschrank. Blick nach unten. Ich muss nichts fragen. Ich drehe mich nur ein bisschen zu ihr hin. „Mir geht es gerade wieder ganz schlecht“, bestätigt Paula. Tanztee adé. Scheiße.

Wieder kommt mir eine Expertenempfehlung in den Sinn: Bewegung! Bewegung macht den Kopf frei. „Sollen wir eine Runde spazieren gehen“, frage ich. Es schneit. Und das nicht zu knapp. Das Thermometer steht bei fünf Grad unter Null. Ostwind. Super Vorschlag. Paula sagt: „Okay.“ Eingemummelt stapfen wir den Waldweg entlang. Handschuhhand in Handschuhhand. Ich ziehe eine „Das-soll-man-einen-Depressiven-nicht-fragen-Frage“ aus dem Ärmel: „Woran liegst?“ Paula schluchzt. Das ist ein gutes Zeichen: Ein Vorbote einer Antwort.(Experten haben nicht immer Recht.) Klar, Paula weiß nicht, woran es liegt. Aber sie weiß, dass ihr alles und vor allem die nächste Woche wie ein Berg vorkommt, den sie nicht raufkommt. Ich rede ihr den Elternabend aus. Die nächsten zwei Kilometer schweigen wir. Dann erzähle ich von der Präsentation am Ende der Woche. Wieder zu Hause trinken wir mit den Kindern Kakao und essen Hefezopf.

Beim Tanztee treffen wir einen meiner ehemaligen Klassenkameraden. Dessen Frau ist sehr sympathisch. Paula versteht sich sofort mit ihr.

Kommentare:

  1. Nein, Experten haben nicht immer Recht. Ich würde sogar dazu übergehen zu sagen, dass man es einem depressiven Menschen nicht zuviel abnehmen darf - das geht leicht in die falsche Richtung. Ich hatte selbst viele Jahre Depressionen und das, was mich letztenldich aus dem Sumpf gezogen hat, war meine Bereitschaft, über meine Gefühle zu reden, sie zuzulassen und auch den unbequemen Fragen und Themen nicht auszuweichen. Von daher hast Du alles richtig gemacht und durch Deine Frage konntest Du bei ihr ein Loch in die Wand aus Taubheit schlagen - und sie konnte ihre Gefühle wahrnehmen, zulassen, aussprechen. Zum Tanztee habt ihr es auch geschafft - wunderbar. So sollte es weitergehen :)

    Lg
    Maja

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  2. Hab den Blog erst heute entdeckt und vom ersten Post bis hier in einem Rutsch durchgelesen. Und jetzt sitze ich hier und heule mir die Augen aus dem Kopf während ich tippe. Mist ich hasse meine Depressionen und ich hasse es was ich meiner Familie damit antue. Ich will es nicht, aber ich tue es trotzdem oder ist es diese verdammte Krankheit? Keine Ahnung... Der Absatz mit Berg hat es mir angetan. Hat mich richtig getroffen! Momentan ist es bei mir nicht nur ein Berg. Es ist ein verdammtes Gebirge, die ganzen Alpen türmen sich vor mir auf.

    Auch wenn du es schwer hast Paul und eure Kinder auch ABER du bist ein TOLLER Ehemann.

    Liebe Grüße

    http://fraudepriblog.tumblr.com/

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