Samstag, 23. Februar 2013

Nimm mich jetzt, auch wenn ich stinke!*

Schallendes Gelächter. Paula liegt auf dem Sofa, zappelt mit den Beinen, schüttelt sich vor Lachen. Mit der Frauenzeitschrift wedelt sie mir vor der Nase herum. Wie Gähnen, ist Paulas Lachen ansteckend; ich lache mit. (Sieht schon ulkig aus, wenn eine erwachsene Frau wie ein Kind strampelt.) „Worum geht’s?“, frage ich etwas schnoddrig. Paula zitiert aus der Frauenkolumne: „Die meisten Junggesellen erinnern sich nicht mehr, wer Bundeskanzler war, als sie zuletzt ihre Bettwäsche gewechselt haben.“

Ich begreife sofort, warum sich Paula schier längs legt: Genau so war es bei mir auch. Kein bisschen anders. Bettwäsche wechseln hielt ich während meines Solistendaseins schlicht für überflüssig. Zu jener Zeit – okay, okay, ich geb’s zu – bin ich ohnehin meist alkoholisiert in die Horizontale gegangen. Und damit geruchssinnbetäubt. Die Theorie, ich hätte gerade mit diesem Ziel regelmäßig getrunken, halte ich für übertrieben, aber nicht für ausgeschlossen. Immerhin waren die Lokalitäten, die ich frequentierte, durchweg Raucherbuden. Habe ja selbst ohne Ende geschlotet damals. Mein olfaktorisches Langzeitgedächtnis lässt mich selten im Stich. (Ich weiß noch genau, wie mein erstes Rockkonzert, Status Quo, 1978, roch.) Das Odeur meiner maximal im Halbjahresrhythmus gewechselten Bettwäsche bauscht sich unter meinen Nasenflügeln auf. Das Schlimmste an der ganzen … Sauerei (?)… war wohl, dass Kissen und Decke tagsüber genau in der Position verharrten, in der ich sie morgens verlassen hatte. Bettmachen, Auslüften? Gott bewahre! Jetzt schüttle ich mich auch.

Heute hat Paula dienstfrei. Theoretisch. Eine Fortbildung steht an. Das ist an und für sich nett. Wir können zusammen und etwas später aus dem Haus als sonst. Aber Paula echauffiert sich (wieder einmal) über den Tag. „Eine Scheiße ist das: Erst hänge ich bis Viertel vor Fünf in der Schulung rum. Wenn ich dann nach Hause komme, kann ich gleich das Kind zum Training fahren. Einkaufen, kochen – alles, alles, alles bleibt immer an mir hängen.“ Dann drückt sie Zahnpasta (Intensive Clean mit Zitronenaroma – für meinen Geschmack zu scharf) auf die Bürste. Zähne schrubbend geht sie ins Schlafzimmer und … macht die Betten.

Ich stehe vor dem Kleiderschrank und suche mir ein Hemd aus. Ich kann Paula im Spiegel sehen. Die Frage „Warum macht sie das?“ geht mir durch den Kopf. Mir wäre das einerseits zu blöd. Die Schärfe der angeblich intensiv reinigenden Zitrone(nchemie) verätzt beinahe die Zunge. Das Gemenge aus Wasser, Pasta und Speichel muss man deshalb ständig im Mund bewegen; Runterschlucken brennte am Zäpfchen. So fuhrwerkt Paula eben mit einer Hand an der Zahnbürste, mit der anderen mehr linkisch als geschickt am Bettzeug herum. 

Andererseits könnte ich Paula jetzt sagen, dass Bettenmachen nicht nötig sei. Vor allem nicht jetzt. Dann aber – Wie oft habe ich diese Erfahrung schon gemacht? Gefühlte zehn Millionen Mal. – dann aber würde Paula losblaffen. Sehr wahrscheinlich mit einer sinngemäßen Frage, wer genau das zu entscheiden habe, was nötig sei. An die mögliche Diskussion über häusliche Ordnung, die Verteilung der Zuständigkeiten oder gar das antiquierte Geschlechterbild in unserer Gesellschaft will ich gar nicht denken. Es ist kurz vor acht Uhr in der Früh. Und ich bin Morgenmuffel. Ich nehme das lila-weiß-karierte Hemd.

Im Bad ziehe ich das Hemd an, verpasse meinen Haaren eine Ladung Wachs und denke an Helmut Kohl. Der war Bundeskanzler, als ich zuletzt meine (Junggesellen)bettwäsche gewechselt habe. Und ich denke an den Mief in dieser Wäsche.

Und der kommt mir irgendwie gar nicht mehr schlimm vor. 


*Der Posttitel ist ein Zitat aus dem Lied "Mief!" von Die Doofen; 1995.

Kommentare:

  1. Weisst du eigentlich das Betten lüften überbewertet wird? Durch das lüften bekommen all die Bakterien und Keime schön Sauerstoffzufuhr um sich dann aktiv weiter zu vermehren, wärend sie im ungemachten Bett einfach ersticken würden ... :) Ja so ist das :)

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  2. Hey Yafe, na dann habe ich ja doch (fast) alles richtig gemacht.

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