Mittwoch, 13. Februar 2013

Frauengespräche bleiben Frauengespräche

Edoardo leidet unter Depressionen. Und zwar in einem Ausmaß, gegen das sich Paulas Zustand ausmacht, wie Bullenreiten gegen Kutschefahren. Er war lange in stationärer Behandlung, konnte lange gar nicht, später nur gedrosselt arbeiten. Seine beiden Kinder sind „manchmal ziemlich verstört“ deswegen, sagt Imke. Imke ist Edoardos Frau.

Imke ist Paulas beste Freundin. Sie kennen sich seit der 1. Klasse. Fast eine echte Sandkastenfreundschaft. Imke ist auch Paulas Trauzeugin. Und damit meine. Nicht nur deshalb sind Imke und ich auch so eine Art Freunde geworden. Manchmal kommt Imke zu Besuch. Meistens spontan, wenn sie ihre Mutter besucht, die hier in der Nähe wohnt.

Diese Besuche sind ritualisiert: Nach der Begrüßung will Imke die Kinder sehen, die sich dann mehr oder weniger willig blicken lassen. Das ist das Mindeste, was sie für die mitgebrachte Schokolade tun können. Danach setzen wir Erwachsenen uns aufs Sofa und tauschen den neusten – oder den ältesten – Tratsch aus. Über die Entwicklung der Kinder, über das berufliche Fortkommen oder schlimmstenfalls das Wetter. Platzend zwar vor Neugier, aber immerhin trete ich nach einem Viertelstündchen den Rückzug an: „So, ich lass’ euch jetzt mal alleine.“ Frauengespräche, ganz sicher. Vielleicht Ehefrauengespräche. Oder Depressionsbetroffenengespräche. Auf jeden Fall vertraute Gespräche.

Heute lese ich in einem Buch über Depressionen, Angehörige würden nicht allzu oft in die Therapie des Betroffenen eingebunden. Wenn überhaupt, dann nur, wenn sie es selbst anregen. Während Paulas erster Therapie bei Frau Hämmerle, ihrer Psychotherapeutin, hatte ich diese Überlegung Paula gegenüber ins Spiel gebracht. Eine Antwort gab es darauf nie.

Heute hat Paula wieder einen Termin bei Frau Hämmerle. Bevor ich ins Büro gehe, zögere ich einen Moment: Sollte ich Paula fragen, ob wir demnächst einmal zusammen dorthin gehen? Ich frage nicht. Auf dem Weg ins Büro – brrr, saukalt ist es heute – denke ich darüber nach, wie es wohl wäre: Paula, Frau Hämmerle und ich.

Nein, das wird nicht funktionieren. Und nicht nur das. Es wäre schlecht. Paula und Frau Hämmerle kennen sich seit fünf Jahren. Natürlich kennen sie sich gut. Zumindest kennt Frau Hämmerle Paula gut. Bestens sogar. Sie weiß vermutlich Dinge von Paula, die nicht einmal ich weiß. Paula hat sich ihr anvertraut. Paula vertraut ihr. Da soll ich nun reinplatzen? Ein saublöder Gedanke!

Vielleicht sollten Imke und ich, wenn schon nicht Frauengespräche, dann vielleicht Eheleutegespräche oder Depressionsbetroffenengespräche führen. Dann müsste Paula sich nach einem Viertelstündchen von der Tratschrunde zurückziehen.

Auch blöd. Irgendwie. Obwohl … ?

Kommentare:

  1. Liegt doch irgendwie grade total im Trend Angehörige, selbst die Kinder mit einzubeziehen .... Ist wohl noch nicht angekommen .... Aber bei dem Patner ist es in modernen Therapien eigentlich ein MUSS!

    Gruss Yafe

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  2. Hi, da bin ich im Prinzip absolut deiner Meinung. Dass Angehörige - angelblich - nicht allzu häufig einbezogen werden in therapeutische Massnahmen habe ich in einem aktuellen Buch gelesen. Ich persönlich habe das immer für sinnvoll bzw. notwendig betrachtet. Die konkreten Planungen bei uns laufen darauf hinaus, dass wir das Paarthema separat behandeln. Bei der in Kürze anstehenden stationären Therapie, werde ich "meine Chance" bekommen; die Klinik ist in der Nähe.

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  3. Also ich würde mit Imke mal über "das Thema" sprechen, vor allem da du sie ja auch als gemeinsame Freundin bezeichnest und sie in der selben Situation steckt. Vielleicht würde sie sich auch gerne mit dir austauschen?? (ich überlege gerade Ähnliches, allerdings bin ich mit der in Frage kommenden Person nur bekannt und nicht befreundet)
    Die Einbeziehung des Partners halte ich persönlich für absolut notwendig. Sicherlich sollte die Art und Weise der Einbeziehung individuell abgestimmt und allen Beteiligten auch recht sein.
    Auf jeden Fall nutze die sich bietende "Chance" des anstehenden Klinikaufenthaltes!

    Anmerkung: ich finde deinen Blog ganz toll und häufig finde ich mich in deinen Beschreibungen wieder. Danke dafür!! Zwar handelt es sich bei der Erkrankten nicht um meine Partnerin, sondern um meine langjährige Freundin und Mitbewohnerin, doch abgesehen von der Sexualität/Beziehung sind die "Problemlagen" die gleichen.

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  4. Liebe Andrea,
    herzlichen Dank für deine netten Zeilen. Es ist schön zu wissen, dass meine Geschichten bei Leser(innen) ankommen. (Wäre interessant zu wissen, ob Menschen, die keinen depressiven Verwandten/Bekannten haben, die Geschichten ebenso ansprechen ;-))

    Tja, mit Imke sprechen - das wäre sicher sehr interessant, klar. Aber: Sie ist eben Paulas beste Freundin. In einem Gespräch mit ihr müsste ich alles, was ich sage, sehr gut austarieren. Ich kann nicht ausschließen, dass sich Imke und Paula später über dieses Gespräch unterhalten. Es rumort etwas in meinem Bauch, wenn ich daran denke ... ich würde mich vermutlich nicht so super wohlfühlen, wenn ich dieses Gespräch führen bzw. Imke darauf ansprechen würde. Also: Ich muss (noch) ein bisschen drüber nachdenken ...

    Ich hoffe, hier bald wieder etwas von dir zu lesen.

    LG PK

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  5. Dieser "Hoffnung" komme ich sogleich nach...
    Hi Paul, dieses Rumoren habe ich bezüglich der Person in meinem Visir auch...zumal wir uns nicht so gut kennen. Ihr Partner war mit meiner Mitbewohnerin zusammen in der TK. Dort haben sich die Beiden angefreundet. Heute beispielweise ist fröhliches Kegeln der Ehemaligen angesagt. Auch Freunde und Partner sind eingeladen. Aber ich weiß noch nicht, ob ich mitgehe. Die Woche über arbeite ich schon mit auffälligen Jugendlichen, privat lebe ich mit einer depressiv Erkrankten zusammen- ein wenig "Normalität" und Auszeiten sind da wichtig.
    Ich sehe nicht allzu viele Unterschiede zwischen Männlein und Weiblein. Deshalb denke ich schon, dass sich auch Frauen von deinen Zeilen angesprochen fühlen, vielleicht aber nicht so offen mit der Thematik umgehen. Aber wer kennt sie nicht die Grübelei, wenn der Partner/in (ohne Erkrankung) mal "nicht will" oder sich zurück zieht?! Immer wieder Basis für Konflikte.....
    Zu Imke und deinen Überlegungen: Vielleicht hat Imke ja auch Redebedarf und ihr beiden könntet euch allgemein austauschen. oder du steuerst das Ganze ein wenig, wohlwissend das das Gesagte bei deiner Liebsten ankommt?! Ich geb zu: ein wenig berechnend ist das schon...Aber du hast ja alle Zeit noch ein wenig darüber zu meditieren.

    Übrigens würde mich die "Darmthematik" auch sehr interessieren.Psychosomatische Darmerkarnkungen waren hier nämlich die Vorboten der Depression...(u.A.)

    ich wünsche euch ein friedvolles und schönes Wochenende!
    Andrea

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  6. Ich finde Deine Überlegung sinnvoll. ich inde ein solches Gespräch ganz wichtig gerade als Partner. Und gerade weil Deine Frau sich ihr anvertraut hat so kann sie auch sofort für Dich erreicbar sein. Sie kann Dir zu hören aber auch Tips geben usw also ran an den Speck oder doch Therapeutengespräc?!

    Ps. Toll wie Du interessiert bist trotz allem sie zu verstehen und das Richtige zu machen..Richtige ist falscher Ausdruck aber ich denke Du weißt was ich meine.

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