Sonntag, 26. Juli 2015

Bis zur Schmerzgrenze

Volker ist ein Arschloch. Er ist sogar der Prototyp eines Arschlochs. Schlimmer noch: Er ist von Grund auf bösartig. Kurzum, die Inkarnation eines Feindbildes. Meines Feindbildes. Er ist der Finanzchef unserer Firmengruppe. Von dort hat er den Auftrag bekommen, die Bilanzfälschung aufzuklären, die Anfang des Jahres aufgedeckt wurde. Dabei gibt er sich redlich Mühe. Wobei er seiner Niedertracht und damit sich treu bleibt. Immer wieder versucht er, auch mich aufs Glatteis zu führen. Als Zahlenmensch ist er allerdings ein „Alpha Kevin“ der Rhetorik. Und damit bei mir an den falschen geraten. Ich habe nichts zu verbergen. Dennoch muss ich ihn immer mal wieder daran erinnern, dass ich keine Antworten geben werde, die mich selbst in Misskredit bringen könnten. Er rechtfertigt sein Vorgehen mit dem Anspruch des Unternehmens, jede noch so kleine Unregelmäßigkeit zu klären. „Zero Tolerance“ nennt er das dann. Das ist meist der Moment, in dem ich meine rechte Augenbraue hochziehe – wobei ich vermutlich nur halb so arglistig wirke, wie der liebe Volker – und mich übergeben möchte.

Paula hat monströse Kopfschmerzen. Nicht das dumpfe übliche Dröhnen einer wetterbedingten Migräne. Nein, sie krümmt sich unter stichartigen Schmerzattacken. Über Nacht hat sie bereits 1.200 mg Schmerzmittel eingenommen. So geht es nicht weiter. Ich werfe das Leergut in die Transportkiste, wir fahren in die Klinik. Paula checkt in der Notaufnahme ein. Ich gehe einkaufen. Das wirkt vielleicht ein bisschen herzlos. Aber: Erstens sind es nur zwei Tage bis Heiligabend; die Weihnachtseinkäufe müssen gemacht werden. Schließlich kommt Lilith über die Feiertage zu Besuch. Zweitens dauert es meist Stunden, bis alle Untersuchungen in der Notaufnahme erledigt sind. So auch diesmal. Paula ruft mich nicht an wie verabredet und so fahre ich die Einkäufe sogar erstmal nach Hause. Als Paula sich endlich meldet und ich neben ihr auf dem Krankenbett sitze, dauert es noch eine Stunde, bis alle Formalitäten erledigt sind und ein Arzt ein letztes Statement zur Diagnose abgibt: „Nichts Spezifisches.“ Mit Paulas Krankschreibung und einem Rezept für noch mehr, noch höherdosierte Schmerzmittel in der Tasche fahren wir nach Hause.

Es hilft alles nichts: Paula schleppt sich – von den Medikamenten reichlich abgeschossen und immer noch mit wildesten Schmerzen – durch die nächsten Tage. Eigentlich verbringt sie die meiste Zeit im Bett. Wenn sie für ein paar wenige Stunde aufsteht, stöhnt sie unter den anhaltenden Stichen im Kopf regelmäßig auf. Die Stimmung ist bei uns allen auf dem Nullpunkt. Weihnachten können wir abhaken. Wir können nichts unternehmen. Alles, was wir uns vorgenommen haben, bleibt liegen. Aufgrund der hohen Medikamentendosen muss Paula jeden Tag zum Hausarzt, um die Blutwerte prüfen zu lassen.

Am 28. Dezember sind die Schmerzen noch schlimmer. Der Hausarzt weiß sich nicht mehr zu helfen, empfiehlt Paula, bei einem Dermatologen vorstellig zu werden. Lilith fährt mit Paula in die Klinik. Nur eineinhalb Stunden später sind sie zurück. Der Verdacht des Hausarztes hat sich bestätigt: Herpes Zoster. Paula bekommt nun (zusätzlich) andere Medikamente. Das hilft. Aber Paula ist nun (wie) im Drogenrausch. Die miese Stimmung bleibt. Die Jungs, Lilith und ich müssen die Tage neu und anders organisieren. Als Lilith wieder weg ist, bleibt das meiste zwangsläufig an mir hängen. Von dem Urlaub, den ich genommen habe, habe ich nicht viel.

Heute bin ich mit ein paar Kollegen verabredet, die Einkäufe will ich vorher erledigen. Deshalb habe ich mit Paula gestern geklärt, wann sie zu ihrem Termin muss: „Ich gehe um 11:00 Uhr“, hat sie gesagt. Jetzt ist es 10:00 Uhr, ich komme die Treppe herunter und erinnere an die Vereinbarung: „Ich gehe dann eben mal einkaufen, das schaffe ich ja locker in einer Stunde.“ Paula reißt die Augen auf, beugt sich leicht nach vorne. Sie sieht jetzt aus wie eine Hyäne in Angriffsstellung. Wie ein Hyäne kläfft sie auch los – hart und grob: „Sag‘ mal! Hast du mir nicht zugehört? Ich brauche das Auto. Ich muss um 11:00 h bei meinem Termin sein!“ Ich versuche, den Unterschied zwischen „um 11:00 Uhr gehen“ und „um 11:00 Uhr dort sein“ zu erläutern. Lautstark und giftig führen wir den ebenso sinnlosen wie stets wiederkehrenden Streit über den Wortlaut des Gesagten. Das endet auch diesmal in Grundsätzlichem: „Kannst du ein einziges Mal …“, ballert mir Paula entgegen, „… auch nur ein einziges beschissenes Mal in diesem Leben auf mich Rücksicht nehmen?“

Mir stockt der Atem. Weniger wegen Weihnachten; sie kann ja nichts dafür. Aber bestimmt wegen all der Jahre mit ihrer Depression. „Zero Tolerance“. Paula sieht das selbstverständlich genau andersherum als ich. Dennoch oder gerade deshalb ist mir gerade zum Kotzen.


Sonntag, 19. Juli 2015

Die Duplizität der Ereignisse – eine Randnotiz

T. C. Boyle ist einer meiner Lieblingsschriftsteller. Seine Geschichten sind so absonderlich wie sein zweiter Vorname Coraghessan. „World’s End“ (von 1987) ist eines meiner Lieblingsbücher. Nicht nur, weil es das erste seiner Bücher war, das ich je gelesen habe. Manchmal möchte ich dieses Buch verschenken. An Carine. In morgendämmrigen Momenten, in denen die Vernunft über Schwanz und Herz siegt. Den Momenten, in denen mir sonnenklar ist, dass es keinen Sinn macht, Carine weiter zu bezirzen.

Carine wird den Absprung aus ihrer desolaten Ehe („Ich habe jetzt aber keine Lust, dich in den Arm zu nehmen.“) nicht schaffen. Zu lange schon ist sie mit diesem Mann zusammen bzw. verheiratet. Zu schön sind die dolce vita und der soziale Status, den sie als Teil der Haute Volée unserer Stadt genießen. Und zu groß ist die Angst, ihre Kinder im Stich zu lassen. (Was sie de facto ja gar nicht würde tun müssen ... sag‘ ihr das bitte mal jemand!)

Über Jahrhunderte kreuzen sich in „World’s End“ Wege und Schicksale der Familien Van Brunt und Van Wart. Wie von einem jenseitigen Puppenspieler gelenkt, wiederholen sich dabei die Ereignisse: Im Jahre 1663 muss Jeremias Van Brunt ein Fuß amputiert werden; 1968 verliert Walter Van Brunt ein Bein bei einem Motorradunfall. 1990 habe ich Carine zum ersten Mal getroffen und mich in sie verliebt. 2012 spricht sie mich auf dem Schulfest an. Und ich mag sie. Wieder. Mehr als ich vermutlich sollte.

Ich treffe Carine häufig zum Kaffeetrinken. Auch am Donnerstag. Am nächsten Dienstag hat sie ihre Operation. Schulterinstabilität links lautet die Diagnose. Sie hätte das schon viel früher machen lassen müssen. Das weiß sie. Doch erst nach der ach-was-wie-ich-denn-wievielten Ausrenkung im letzten Jahr hat sie sich dazu durchgerungen. Die Spezialklinik liegt in rund 200 km Entfernung. Carine fährt mit dem Zug alleine dorthin. Sie ist hibbelig, ziemlich aufgekratzt, nicht wirklich für eine Plauderei zu haben. Als ich wieder im Büro bin, organisiere ich eine Blumenstraußlieferung in die Spezialklinik. Für den Mittwoch nach der OP. „Vielen, vielen Dank für die Blumen. Da bin ich ja mal platt und freu‘ mich riesig“, steht in der SMS, die sie mir schickt. (Ihr Gatte hat sie nicht mal angerufen. Doch das nur so am Rande.)

Paula weint: „Pauli …“ – Pauli sagt sie nur, wenn sie mir eröffnen will, dass die Kinder irgendetwas kaputt gemacht haben, was mir gehört. Oder wenn etwas Schlimmes passiert ist. Heute ist etwas Schlimmes passiert: „Pauli, komm‘ schnell. Ich habe hier vorne an der Ecke einen Unfall gehabt.“ Heute ist Sonntag. Sie wollte nur eben zur Bäckerei radeln, um Brötchen zu holen. „Ja, ich komme“, krächze ich an dem Kloß im Hals vorbei ins Telefon.

Ich ziehe mir die verschwitzte Jeans von gestern an, springe in die Flip-Flops, renne die Treppe hinauf zu den Kindern. Die hatte Paula schon geweckt, bevor sie zum Bäcker aufbrach. „Leute, die Mama hatte einen Unfall. Ich fahre da jetzt hin. Bitte macht euch keine Sorgen. Sie hat am Telefon gesagt, es sei nicht so schlimm. Ich melde mich gleich.“ Ich verstehe nicht mehr, was die Jungs hinter mir herrufen. Ich bin schon auf der Treppe, schnappe mir das Handy, renne zum Auto und fahre los. Es sind nur dreihundert Meter. Paula liegt auf dem Radweg. Ein Mann im blauen Hemd beugt sich über sie. (Ein Notarzt, der zufällig vorbeikam, wie sich später herausstellt.) Ein anderer steht etwas ratlos daneben, nestelt an seinem Handy herum. Eine Frau kniet neben Paula auf dem Asphalt und hält ihre Hand. Die Decke unter Paulas Kopf stammt aus ihrem Auto. Ich fahre auf die Garageneinfahrt, die direkt an der Unfallstelle liegt. Ich springe aus dem Auto und laufe dorthin. Paula ist käseweiß im Gesicht.

Ich knie mich hin, nehme Paulas andere Hand in meine. „Was ist passiert?“, frage ich. „… um die Kurve … Mann entgegen … musste bremsen … abgestiegen über Lenker …“ wispert Paula bruchstückhaft. Ich wende mich dem Notarzt im blauen Hemd zu. „Sie ist auf die Seite gestürzt“, sagt er …

… „die linke Schulter ist kaputt.“

Das war vor vier Stunden. Wir hatten den Krankenwagen gerufen, weil Verdacht auf Rippenbruch besteht. Ich muss an T.C. Boyle denken. Während ich diesen Post schreibe, warte ich auf den Anruf aus der Klinik.


Freitag, 19. Juni 2015

Bauchfrei

"Ich habe getanzt. Ich habe so abartig getanzt bis der Anzug weiße Schweißränder hatte.“ Hanno war wieder im Swinger-Club. Und er erzählt. Seine Stimme ist tief. Ruhig. Extrem angenehm. Er wischt sich eine schüttere blonde Haarsträhne aus der Stirn: „Das war so was von geil! Ich hab‘ mir den Wolf getanzt und sie lag vor mir auf der Liege und hat sich’s selbst besorgt.“

Egal wann, egal wo und egal zu welchem Anlass, Hanno hält mit seinen Neigungen nicht hinter dem Berg. Das nervt. Ein bisschen wenigstens. Er ist ein lieber Kerl. Einer, dessen Umgang mit seinen Mitmenschen ebenso warm ist wie seine Stimme. Ich treffe mich ab und zu mit ihm. Schließlich haben wir zusammen Abitur gemacht. Und wir waren letztes Jahr zusammen bei dem Status-Quo-Konzert. Auf dem Rückweg haben wir im Auto die Hits der Neuen Deutschen Welle gegrölt. Volle Kanne. Was die Stereoanlage und unsere Stimmen hergaben. Ein sensationeller Herrenabend. Wie eben alle Abende mit ihm. Ich mag ihn recht gern. Zugegeben: Anfangs hatte ich meine Probleme mit seiner Offenheit. (Ja, man kann sich auch mit Anfang Fünfzig gehörig fremdschämen.) Mittlerweile habe ich begriffen, dass es erstens zum Habitus von Swingern gehört, sich auch öffentlich dazu zu bekennen, und zweitens, dass Hanno etwas richtig macht: Er lebt seine Phantasien.

Das tue ich nicht. Swingen gehört auch nicht zu meinen Phantasien. Ich tue es nicht, weil mir die Partnerin dazu fehlt. Paula hat keine Phantasien. Ihr Porno-Kopfkino ist lange schon geschlossen. Hanno und ich verabschieden uns. Ich trotte zur Bushaltestelle und nehme den 0:40er. Ich starre auf die regennasse Straße. Ich denke darüber nach, ob Paulas Kopfkino überhaupt je eröffnet wurde. Etliche Male hat sie exaltiert „Beweg‘ dich, stoß zu, fick mich!“ gefordert. Okay. Ein anderes Mal hat sie mir angeboten, zu tun, was ich will. Gegen den Versuch, Ihre Brustwarzen mit ihrem Vaginalsekret zu befeuchten, hat sie sich gewehrt. Nicht okay. Ihre Antwort auf meine Frage – und ich stelle sie häufig während wir miteinander schlafen – worauf sie denn jetzt Lust hätte, ist stereotypisch: „… ist alles gut so …“. Oralverkehr – hatten wir den mal? Leidenschaftlich geknutscht haben wir schon seit Jahren nicht mehr. Es kommt mir vor, als hätte ein richtiger Zungenkuss mit Paula die Erotik eines Beischlafs mit ihr längst überflügelt. Das Thema Phantasien zu besprechen, vielleicht sozusagen postkoital oder gar außerhalb des Bettes – ausgeschlossen. Darauf reagiert Paula nicht. Sie hat buchstäblich jedes Gefühl dafür verloren.

Diese Gedanken sind – das liegt in der Natur der Sache – quasi das Ticket zu meinem Kopfkino. Als ich ins Schlafzimmer schleiche, höre ich Paulas gehauchtes Schnarchen. Die Live-Performance fällt heute leider aus. Die Hauptdarstellerin ist verhindert.

Heute ist Samstag. Ich habe es endlich mal geschafft: Ich sortiere Hosen, Hemden und T-Shirts aus, die ich nicht mehr tragen möchte. Da hat sich ein beträchtlicher Hügel angesammelt. Ich freue mich. Ich bin gut gelaunt. Paula kommt vom Joggen nach Hause. Sie trägt das violette kurze Sporttop. Ihr nackter Bauch glänzt vom Schweiß. Der Projektor in meinem Kopfkino springt an. Ich lächle, sie gibt mir einen Begrüßungskuss. Flüchtig. Ich streichle ihren Po, als sie sich zwischen mir und dem Ausmistwäschestapel durchschlängelt. Sie knotet die Laufjacke von ihren Hüften, legt sie auf den Sessel. Der Projektor hat jetzt Betriebstemperatur. Ich tue so, als räumte ich den Stapel mit dem Fuß beiseite, streichle über ihren Bauch. Diesen irrsinnig flachen Bauch. Den Bauch, der mich am meisten anmacht. Paula weicht zurück: „Lass‘ mal, ich schwitze.“ POFF – die Glühbirne im Projektor platzt, das Licht geht aus. Und die Ausmisterei weiter. Paula zieht sich aus; nackt schlängelt sie sich wieder an mir vorbei Richtung Dusche. Ich sehe nicht hin. In dem Dunkel, das die zerborstene Projektorbirne hinterlassen hat, ist ohnehin nichts zu erkennen.

Am Abend sitzen wir beim Essen auf dem Balkon. Paula trägt jetzt ein ärmelloses Top. Mit tiefem V-Ausschnitt. Einen BH trägt sie nicht. Irgendein Spaßvogel setzt den Projektor wieder in Gang, als ich ihr aufs Dekolleté schiele. Die Jungs sitzen nebeneinander und kaspern herum: Mit seinem Zeigefinger piekt der ältere dem jüngeren in Schulter, Armen und Rücken. Als er ihm in den Bauch sticht, faucht der Gepiesackte: „Du Schwuchtel, hör‘ auf an meinem Bauch rumzufummeln!“ „Ooooch, der Kleine“, kommt postwendend die Replik, „hat Aua-Bauch“. Jetzt mischt sich Paula ein: „Du, ich kann das verstehen. Ich werde auch nicht so gerne am Bauch angefasst.“

Als die Kinder im Bett sind, informiere ich Paula, dass ich noch mit meinen Kolleginnen verabredet sei.
Ich gehe tanzen.


Samstag, 16. Mai 2015

Die Zeit vergeht

Liebe Mama,

hihihi – „Mama“ das klingt irgendwie bescheuert aus dem Mund eines Fünfzigjährigen. Aber du bist sie nun mal: meine Mama.

Ja, ich habe mich lange nicht gemeldet. Völlig zu Recht hast du dich darüber beklagt. Wenn du diese Zeilen gelesen hast, wirst du dich wieder beklagen: Du fändest es schön, wenn ich einfach mal anrufen würde, um mich zu erkundigen, wie es dir geht. Und nicht, weil ich etwas auf dem Herzen habe. Ich habe aber etwas auf dem Herzen. Und – ich muss wieder grinsen – du bist eben meine Mama. Also schreibe ich dir.

Ich habe das Gefühl, mein ganzes Leben bröselt auseinander.

In der Firma läuft es nicht gut. Das hatte ich schon erzählt, als ich neulich bei euch war. Leider ist es noch schlimmer geworden. Diese Menschen von der sogenannten Innenrevision … Mann, Mann, Mann. Sie haben herausgefunden, dass unser Ex-Chef und der Ex-Prokurist die Bilanzen frisiert haben. Vermutlich, um die eigenen Boni nach oben zu treiben. Nicht nur, dass wir als Unternehmen nun schlecht(er) dastehen. Nein, es wurden auch Anschuldigungen gegen mich erhoben. Ich hätte von den systematischen Fälschungen gewusst. Das gehe aus einer E-Mail hervor. Die haben sie im Postfach des Prokuristen gefunden. Stell‘ dir vor: Das wurde auf Veranlassung des Staatsanwalts geöffnet. Das alles ist zwar ebenso Wortklauberei wie Quatsch. Ich wurde zur Sache angehört. Selbst der Anwalt der „Gegenseite“ hat abgewinkt. Aber auf welcher Vertrauensbasis soll es nun weitergehen? Leider bin ich – wer wüsste das besser als du? – nun auch nicht mehr der Jüngste. Von vielleicht zwölf Bewerbungen kamen sechs zurück. Ich habe nicht eine Einladung zu einem Gespräch bekommen. Bisher.

Vielleicht, nein: sicher, spielt das auch eine Rolle, dass es Paula derzeit sehr schlecht geht. Seit der Virusinfektion im Dezember hat sie (auch) körperlich abgebaut. Das Laufen hat sie fast ganz aufgegeben. Sie schafft kaum noch vierzig Minuten am Stück. Meine Güte, wenn ich mir vorstelle, dass sie vor wenigen Jahren den Halbmarathon in zwei Stunden geschafft hat!

Ganz zu schweigen von ihrer psychischen Verfassung. Selbstverständlich. Sie steckt in einem tiefen Loch. In ihrem Job nimmt die Belastung auch ständig zu. Gleichzeitig ist sie selbst immer weniger belastbar. Wenn sie zuhause ist, ist sie total genervt, nicht besonders kommunikationsfreudig, müde oder alles zusammen. Toll. Dann komme ich mit meinen Jobproblemen und Bedürfnissen daher. Dafür hat sie fast keine Antennen (mehr). Ein Teufelskreis. Wir streiten viel. Wir sind gefühlte Hundert Meilen voneinander entfernt. Seit letzter Woche schläft Paula im Arbeitszimmer. Wenn sie Spätschicht hat.

Das ist aber nicht alles.

Vielleicht erinnerst du dich – auch wenn es über zwanzig Jahre her ist: Damals habe ich dich angerufen. Weil ich etwas auf dem Herzen hatte. Ich habe geheult wie ein Schlosshund. Weil ich am Tag zuvor mit Nâna Schluss gemacht hatte. Wegen einer anderen Frau. Mit der „es“ dann nichts geworden ist. Diese Frau habe ich wiedergetroffen. (Sie heißt Carine. Das habe ich dir damals wahrscheinlich nicht gesagt. Es tat nichts zur Sache. Tut es auch jetzt nicht. Sie könnte ebenso gut Elke, Gisele oder Sabine heißen. Ach, egal … )

Wir treffen uns mittlerweile regelmäßig. Das tut mir gut. Ich spüre mich wieder. Oder zumindest ganz anders. Mama, ich lebe! Das fühle und denke ich, wenn ich mit ihr zusammen bin. Nur um es an dieser Stelle klarzustellen: Nein, es ist nicht zu dem gekommen, was du in deiner mütterlich vorwurfsvollen Art „das Äußerste“ nennen würdest. Wir treffen uns. Okay!? Gut, ein bisschen Anfassen und mal ein Kuss nach zwei Gläsern Wein sind dabei. Zugegeben.

Und nun? Tja, keine Ahnung. Das ist das Schlimmste.

Aber, aber, aber … ich trage gefühlte achtzig Millionen „Abers“ mit mir herum. Sie zerfressen mich. Ich habe das Gefühl, nichts mehr auf die Reihe zu bekommen. Den Job nicht, die nötigen Entscheidungen nicht, die – ja (leider) im Plural – Beziehungen nicht. Nichts, nichts, nichts … Es ist zum Kotzen. Ich sehe gerade keinen Ausweg. Vielleicht kannst du mir mal in den A … llerwertesten treten. Bitte. Mama.

Es drückt dich dein
Paul

PS: (Wenigstens) den Jungs geht’s gut. Dass der Große im Herbst seine Lehre anfängt, wisst ihr ja. Auch sonst – um es im Jugendjargon zu sagen – geht er steil. Frequentiert als Gastherr ständig irgendwelche Tanzkurse. Und er trifft sich dauernd mit irgendwelchen Mädels. Mit wechselnden Mädels. (Aber was soll ausgerechnet ich jetzt dazu sagen?) Der Kleine macht uns zwar in der Schule etwas Sorgen. Aber: Was soll’s, er ist dreizehn. Sonst schlägt er sich redlich.

Sonntag, 1. Juni 2014

Stimmungsflaute


„Nennt mich Ismael …“ Auf einem der dritten Programme läuft „Moby Dick“. Den wollten die Kinder schon immer mal sehen. „Gregory Peck, wer sonst, Papa!?“, gibt der Ältere die Besetzung des Käpt’n Ahab bekannt. Trotz des stattlichen Alters des Films und den seinerzeit beschränkten Mitteln sind die Kinder gebannt. Queequeg oder besser seine Tattoos sind unheimlich, die flirrende Hitze während der Flauten ist förmlich zu spüren. „Wal in Sicht. Backbord voraus. Wal – da bläst er!“, die Jagd auf Moby Dick erreicht ihren Höhepunkt. Die Jungs rutschen von einer Backe auf die andere. Spannung pur. Gegen Ende steigt das weiße Monstrum aus den Wellen. Den ertrunkenen Käpt’n Ahab mit ’zig verworrenen Harpunenleinen an seinen geschundenen Leib gezwungen. Die Kinder lachen sich kaputt. Zu unbeholfen kommt die Tricktechnik daher. Es ist eben nicht „The Amazing Spiderman 2“.

In einem Depressionsforum lese ich den Artikel „Der Darm, Spiegel der Seele“. Das Thema interessiert mich. Zum einen kenne ich die Auswirkungen von Nervosität auf die Darmtätigkeit selbst bestens. Zum anderen steht dieses Thema seit langem zwischen Paula und mir. Unausgesprochen. Vor Jahren stellt Paula ihre (und damit auch unser aller) Ernährung um, um für ihre Laufwettbewerbe fitter zu werden. Seither sind Flatulenzen, Stuhlattacken und „ewige Sitzungen“ alltäglich. Alltag wird das für mich allerdings nie. Irgendwann nervt das Gepupe nur noch. Es passiert immer, immer, immer … beim Nähen, beim Putzen, während der Gartenarbeit, beim Kochen. Der – sorry, ich werde zynisch – abendliche Begrüßungswind, den Paula mit ins Schlafzimmer bringt, ist ein universeller Stimmungskiller.

Heute spreche ich Paula auf das Thema an. Es hat lange genug gedauert, bis ich das wage. „Ach ja?“ – die vorwurfsvoll spitz vorgetragene Replik von Paula tut weh in den Ohren. „Du bist ja auch der absolute Spezialist für Ernährungsfragen.“ Der folgende Exkurs in mein Ess-, Nasch- und Trinkverhalten ist gleichermaßen erwartungsgemäß wie umfassend. Hätte ich nur nichts gesagt. Scheiße. Paula zischt weiter: „Wer hat denn hier medizinische Bildung, mein Lieber? Ich weiß ja wohl sehr gut Bescheid über ernährungsphysiologische Dinge. Du kannst ja nicht mal Kohlehydrate von Kilojoule unterscheiden.“ Ob das stimmt, lasse ich unkommentiert. „Ich esse einfach mehr Ballaststoffe als du“, fährt Paula fort. Jow, Ballaststoffe, denke ich, Ballaststoffe sollten in diesem Zusammenhang besser „Belast“stoffe heißen.

Nun kommt der Gesprächsteil, der sehr oft kommt: Paula geht dazu über, Grundsätzliches unserer Beziehung zu thematisieren: „Kann es sein, Paul, dass du das alles mal wieder durch deine Ego-Brille siehst?“ Direkte namentliche Ansprache plus die Kombination von „alles“, „mal wieder“ und „Ego-Brille“ – mir kommt die Galle hoch. Vor dem Hintergrund der Erfahrungen, die ich mit mir selbst und Paula gemacht habe, gibt es jetzt drei Möglichkeiten: 

1. Ich antworte: „Was heißt hier ‚Ego-Brille‘, ich denke, die Jungs stören deine Verdauungsprobleme auch.“ Dann würden Paula und ich end- und ergebnislos über diese Spekulation diskutieren. Und darüber ob es tatsächlich „Probleme“ gibt.

2. Ich frage Paula, ob sie nicht mal bei der Sache bleiben könne. Ihre Antwort, „das gehört für mich zur Sache“ wäre eine bewährte Killerphrase.

3. Ich sage nichts mehr. Paula würde sauer werden. Aber das ist sie sowieso schon. Und ich werde in Zukunft meinen Mund halten, das Thema abhaken, vielleicht sogar verdrängen und mich mit der Situation abfinden. Genauso wie ich mit damit abgefunden habe, dass wir kaum noch zusammen ausgehen, seit der Tanzzirkel auseinandergefallen ist. Dass wir uns beim Essen oder bei Gesprächen kaum noch ansehen oder uns über Erziehungsfragen selten einig sind …

Ich entscheide mich für 3.

Wir sitzen alle Vier beim Abendessen. Knatternd entbläht sich Paula. Sie quetscht ein „‘tschuldigung“ heraus. Die Jungs schauen sich an und lachen albern los.

„Der Wal – da bläst er“, johlen sie im Chor.