Sonntag, 1. Juni 2014

Stimmungsflaute


„Nennt mich Ismael …“ Auf einem der dritten Programme läuft „Moby Dick“. Den wollten die Kinder schon immer mal sehen. „Gregory Peck, wer sonst, Papa!?“, gibt der Ältere die Besetzung des Käpt’n Ahab bekannt. Trotz des stattlichen Alters des Films und den seinerzeit beschränkten Mitteln sind die Kinder gebannt. Queequeg oder besser seine Tattoos sind unheimlich, die flirrende Hitze während der Flauten ist förmlich zu spüren. „Wal in Sicht. Backbord voraus. Wal – da bläst er!“, die Jagd auf Moby Dick erreicht ihren Höhepunkt. Die Jungs rutschen von einer Backe auf die andere. Spannung pur. Gegen Ende steigt das weiße Monstrum aus den Wellen. Den ertrunkenen Käpt’n Ahab mit ’zig verworrenen Harpunenleinen an seinen geschundenen Leib gezwungen. Die Kinder lachen sich kaputt. Zu unbeholfen kommt die Tricktechnik daher. Es ist eben nicht „The Amazing Spiderman 2“.

In einem Depressionsforum lese ich den Artikel „Der Darm, Spiegel der Seele“. Das Thema interessiert mich. Zum einen kenne ich die Auswirkungen von Nervosität auf die Darmtätigkeit selbst bestens. Zum anderen steht dieses Thema seit langem zwischen Paula und mir. Unausgesprochen. Vor Jahren stellt Paula ihre (und damit auch unser aller) Ernährung um, um für ihre Laufwettbewerbe fitter zu werden. Seither sind Flatulenzen, Stuhlattacken und „ewige Sitzungen“ alltäglich. Alltag wird das für mich allerdings nie. Irgendwann nervt das Gepupe nur noch. Es passiert immer, immer, immer … beim Nähen, beim Putzen, während der Gartenarbeit, beim Kochen. Der – sorry, ich werde zynisch – abendliche Begrüßungswind, den Paula mit ins Schlafzimmer bringt, ist ein universeller Stimmungskiller.

Heute spreche ich Paula auf das Thema an. Es hat lange genug gedauert, bis ich das wage. „Ach ja?“ – die vorwurfsvoll spitz vorgetragene Replik von Paula tut weh in den Ohren. „Du bist ja auch der absolute Spezialist für Ernährungsfragen.“ Der folgende Exkurs in mein Ess-, Nasch- und Trinkverhalten ist gleichermaßen erwartungsgemäß wie umfassend. Hätte ich nur nichts gesagt. Scheiße. Paula zischt weiter: „Wer hat denn hier medizinische Bildung, mein Lieber? Ich weiß ja wohl sehr gut Bescheid über ernährungsphysiologische Dinge. Du kannst ja nicht mal Kohlehydrate von Kilojoule unterscheiden.“ Ob das stimmt, lasse ich unkommentiert. „Ich esse einfach mehr Ballaststoffe als du“, fährt Paula fort. Jow, Ballaststoffe, denke ich, Ballaststoffe sollten in diesem Zusammenhang besser „Belast“stoffe heißen.

Nun kommt der Gesprächsteil, der sehr oft kommt: Paula geht dazu über, Grundsätzliches unserer Beziehung zu thematisieren: „Kann es sein, Paul, dass du das alles mal wieder durch deine Ego-Brille siehst?“ Direkte namentliche Ansprache plus die Kombination von „alles“, „mal wieder“ und „Ego-Brille“ – mir kommt die Galle hoch. Vor dem Hintergrund der Erfahrungen, die ich mit mir selbst und Paula gemacht habe, gibt es jetzt drei Möglichkeiten: 

1. Ich antworte: „Was heißt hier ‚Ego-Brille‘, ich denke, die Jungs stören deine Verdauungsprobleme auch.“ Dann würden Paula und ich end- und ergebnislos über diese Spekulation diskutieren. Und darüber ob es tatsächlich „Probleme“ gibt.

2. Ich frage Paula, ob sie nicht mal bei der Sache bleiben könne. Ihre Antwort, „das gehört für mich zur Sache“ wäre eine bewährte Killerphrase.

3. Ich sage nichts mehr. Paula würde sauer werden. Aber das ist sie sowieso schon. Und ich werde in Zukunft meinen Mund halten, das Thema abhaken, vielleicht sogar verdrängen und mich mit der Situation abfinden. Genauso wie ich mit damit abgefunden habe, dass wir kaum noch zusammen ausgehen, seit der Tanzzirkel auseinandergefallen ist. Dass wir uns beim Essen oder bei Gesprächen kaum noch ansehen oder uns über Erziehungsfragen selten einig sind …

Ich entscheide mich für 3.

Wir sitzen alle Vier beim Abendessen. Knatternd entbläht sich Paula. Sie quetscht ein „‘tschuldigung“ heraus. Die Jungs schauen sich an und lachen albern los.

„Der Wal – da bläst er“, johlen sie im Chor.


Kommentare:

  1. Hallo Paul !

    Du beschreibst sehr schön und sehr ibildlich atmosphärische Störungen. Dazu habe ich so meine eigenen Vorstellungen, da ich viel mit inneren Bildern arbeite. Schau vielleicht mal auf meinen Blog bzw übersetze mal die "Mobby Dick Flaute" bzw. "Flatulenz" in Bilder und versuche Augenbewegungen. Es könnte eine Hilfe sein. Muss natürlich nicht, der Text sprang mich aber an. Viele Grüsse Martin aus der Seelenklempnerei (http://www.seelenklempnerei.wordpress.com)

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  2. Auch ich würde mich SEHR über eine Fortsetzung freuen :-)
    liebe Grüsse
    Sonja

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  3. ich würde mich freuen wenn es hier weiter geht! ;)

    glg, elsa

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  4. Lieber Paul,
    wie schade, dass dies dein (momentan) letzter Post ist! Fast ein Jahr ist mittlerweile vergangen und ich würde sehr gerne wissen, wie es dir und deiner Family mittlerweile geht. Deine Texte sind so schön zum lachen und weinen und haben mir deutlich gemacht, dass ich meine Gedanken zu den Problemen von Depressiven und Nicht-Depressiven veröffentlichen MUSS ;) (Blog ist in Arbeit).
    Herzliche Grüße von einer mehr als Betroffenen!

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