Donnerstag, 31. Januar 2013

Bein ab

Mal wieder tobt Paula. Ich hätte ihr vorgeworfen, sie „verschanze“ sich hinter ihrer Depression. Und das sei – so wörtlich – „hundsgemein“. Meine Erinnerung an meine Formulierung ist eine andere. Aber das will ich hier und jetzt nicht zur Debatte stellen. Letztendlich handelt es sich mal wieder um Unterschiede der individuellen Wahrnehmung.

Paula poltert weiter. Wenn sie ein Bein ab hätte, würde ich das als Krankheit anerkennen. Da sei sie sich sicher. Ihre Depression würde ich als Psychokacke abtun. Ich sehe das anders. Selbstverständlich sehe ich das anders.

Da fällt mir Herr Meyer ein. Herr Meyer heißt – vorbehaltlich der Schreibweise – tatsächlich Herr Meyer. (Sonst verwende ich ja Pseudonyme.) Er ist der dusselige (Paar)therapeut, den ich gar nicht dusselig finde. (Siehe Post „Das Menetekel …“) Als die Diagnose Depression feststeht und ich so ganz langsam eine Ahnung davon bekomme, was auf mich – sorry: auf uns – zukommen wird, will ich mich (nicht uns!) beraten lassen. Auf die Schnelle kann ich keinen Spezialisten finden. Also mache ich einen Termin mit Herrn Meyer.

Mal abgesehen von seinem schaurigen schwäbischen Akzent (Gruß an Wolfgang Thierse!) ist der Mensch echt in Ordnung. Okay, nicht der Typ, mit dem ich mich auf ein Bier verabreden würde. Aber als Berater recht brauchbar. Wie bei vielen Angehörigen von Depressionspatienten kommen in dem Gespräch die Fragen auf, wo ich denn als Partner bliebe, wie hoch denn der Preis sei, den ich zahle müsse, wenn Paula und ich den Weg durch die Depression gemeinsam gehen (woll(t)en). Und wie Partnerschaft möglich sei. Oder auch, ob Partnerschaft noch möglich sei.

Da zaubert Herr Meyer diesen Vergleichshasen aus dem Hut: „Stell‘ dir vor, deine Frau verlöre ein Bein bei einem Unfall. Das hätte wahnsinnig viele Auswirkungen auf eure Beziehung so wie sie jetzt ist.“ Augenscheinlich hat er Recht: Wir wohnen über drei Etagen, wir haben ein Auto mit Schaltgetriebe, wir gehen oft tanzen (Chachacha ist unser Favorit.); Paula trainiert gerade für den Halbmarathon. (Nicht zuletzt) deshalb hat sie muskulöse schlanke Beine. Sie ist überhaupt sehr schlank und muskulös. Das ist das, was ich an ihr am meisten sexy finde. Vor allem den definierten Bauch … das aber gehört jetzt nicht unbedingt hierher …

„Du und Paula“, fährt Herr Meyer fort, „würdet bald an einen Punkt kommen, an dem ihr euch fragt, ob ihr eure Beziehung unter dieser neuen Voraussetzung auch neu definieren könnt und wollt. Ihr seid eure Beziehung unter anderen Voraussetzungen eingegangen. Diese Frage ist also ebenso normal wie legitim. Ebenso normal und legitim ist es u. U. dann auch, diese Beziehung  zu beenden.“ „Uff, harter Tobak“, schießt es mir durch den Kopf. Aber er hat – mal wieder – Recht.

Zuhause versuche ich diese Definitionsfrage zu stellen. Gelegentlich. Ich frage nach Perspektiven und Kompromissen. Nach Möglichkeiten oder Bereitschaft, zu reden. Aber leider versteht Paula die Fragen eben so, wie sie sie versteht. Oder verstehen kann.

Manchmal denke ich, es wäre besser, sie hätte ein Bein ab.

Kommentare:

  1. Darf ich mal fragen ob Deine Frau irgend etwas macht gegen ihre Depression oder geht ihr nur zum Paarthera ??

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    1. Hey Jessica, ganz herzlichen Dank dafür, dass du meinen Blog liest und so eifrig kommentierst.

      Was die aktuellen und geplanten Therapiemaßnahmen angeht: Derzeit geht Paula (wieder) regelmäßig zu ihrer Psychotherapeutin. Nächste Woche hat sie einen Termin beim Psychiater, mit dem sie besprechen will und wird, in welcher Form die geplante stationäre Therapie Sinn macht und realisierbar ist. Ich gehe davon aus - so haben wir es eigentlich besprochen - dass es (ab) dann auch eine Paar- oder sogar Familientherapie geben wird.

      Die verschriebenen Medikamente nimmnt Paula derzeit nicht. Sie hat sich bewusst dagegen entschieden. Sie möchte "klar bleiben" für die anstehenden Gespräche.

      Daneben - und darüber können wir alle nur froh sein - hat sie nicht aufgegeben, zu joggen. Klar, sie trainiert nicht mehr an sieben Tagen die Woche für einen (Halb)marathon, wie noch vor zwei oder drei Jahren, aber je nach Wetterlage ist sie schon mind. zweimal die Woche draußen.

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