Samstag, 16. November 2013

Zwischenruf

Die Kinder sind kicken, Paula beim Frisör. Im Nachbarort. Sie wird in einer halben Stunde wieder da sein. Ich genieße die paar Minuten alleine zuhause, habe die  Stereoanlage voll aufgedreht. (Nachbarn und Vermieterin sind wohl einkaufen. Oder lärmtolerant.) Queen dröhnen mit geschätzten 120 Dezibel aus den Boxen: „Abandoned places – I guess we know the score. …”

Klingeling. Klingeling – das Telefon. Ich höre es kaum. Klingeling. Nach dem vierten Mal schaltet sich der Anrufbeantworter auf. Mit einer Hand reiße ich das Hand-held aus der Basisstation. Mit der anderen würge ich Freddy Mercury mit einem Druck auf die Pause-Taste ab.

„Paul Kurz, guten Tag“, sage ich. „Hallo Herr Kurz“, antwortet es vom anderen Ende der Leitung. Die Frauenstimme kommt mir entfernt bekannt vor. In den paar hundertstel Sekunden, die vergehen, bis weiter gesprochen wird, kann ich sie nicht zuordnen. „Hier spricht Brigitte Hämmerle“. Noch immer macht es nicht „klick“ in meinem Kopf. „Äh, ja …“ ich zögere. Einen Wimpernschlag lang vielleicht. Dann fällt der Groschen: Brigitte Hämmerle. Das ist Paulas Therapeutin. Sie ist krank. Paula hat mir das vor Monaten schon erzählt. Paula ist traurig deshalb. Sie versteht sich so gut mit Frau Hämmerle. Sie haben sich während der Gesprächstherapie ein Jahr lang einmal pro Woche gesehen. Vor ein paar Wochen haben sie diese Treffen wieder aufgenommen. Paula vertraut Frau Hämmerle. 100 Prozent. „Sie ist zwar manchmal ein bisschen arg anthroposophisch“, hat Paula einmal gesagt, „zündet vielleicht ein paar Kerzen zu viel an. Aber sie ist genauso, wie eine Frau in meiner Situation es sich nur wünschen kann …“. Ich selbst habe manchmal ein paar Worte mit Frau Hämmerle gewechselt. Morgens auf dem Weg in die Stadt. Sie nahm auch den Zug um 8:04 Uhr. Und sie kennt meine Schwester.

Jetzt ruft Frau Hämmerle an, weil sie Paula berichten will, dass sie einerseits noch etwas länger krankgeschrieben sei: „Ich muss noch ein paar Untersuchungen machen lassen.“ Andererseits, dass sie eine Kollegin gefunden hätte, die Sprechstunden für Paula frei hat: „Ich habe der Kollegin Paulas Akte schon zugeschickt“, sagt sie, „das ist sicher eine sehr, sehr gute Lösung für ihre Frau.“ Sie nennt mir den Namen, Frau Binninger, gibt mir eine Telefonnummer durch. Und: „Ihre Frau kann mich gerne nochmal anrufen.“ Ich versichere ihr, dass ich Paula selbstverständlich von diesem Telefonat berichten werde. Das tue ich auch. Paula freut sich, dass Frau Hämmerle angerufen hat. Aber sie ist geknickt, dass sie noch eine Zeitlang ausfällt.

Heute haben wir wieder Tanzzirkel. Das zweite Mal, nachdem Paula vor zwei Wochen aus der stationären Therapie zurückgekommen ist. Ich beeile mich, damit ich rechtzeitig (oder pünktlich) zuhause bin. Das schaffe ich. Und ich freue mich auf den Tanzabend. Letzte Woche hat alles super geklappt, ich bin voll motiviert. Ich lächle Paula an, als sie die Treppe herunterkommt. Paula lächelt nicht. Sie starrt auf den Boden. Sie begrüßt mich nicht. Aber ihr Körper spricht zu mir: „Desaster“. Paulas Stimme ist so leise, dass ich sie kaum höre.

Frau Hämmerle ist vor drei Tagen gestorben.

Wir gehen trotzdem zum Tanzzirkel. Paula hat auf der Ablenkung bestanden. Das Tanzen klappt wieder bestens. Aber Paula spricht kein Wort. Kein einziges.

„The Show must go on! Yeah! Inside my heart is breaking.”


Kommentare:

  1. Hallo,
    was für eine traurige Geschichte. Aber der Tod gehört leider auch zum Leben dazu.

    Liebe Grüße Ulrika

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  2. Der Tod ist so klar, wie das armen in der Kirche. Wir müssen uns nur damit abfinden irgendwann von dieser Welt zu gehen.
    Das deine Frau Depressionen hat tut mir leid und das ihr Schulden habt, scheiß DRAUF.
    Die Geschichte ist echt traurig und gut von dir formuliert. Versuche deine Frau stets zu motivieren und sage ihr regelmäßig schöne Dinge. Auch wenn sie es schon gar nicht mehr hören kann sagst du ihr weiter wie toll sie ist und das ihr es schaffen könnt. Alleine durch gutes zu reden kann man das Unterbewusstsein so gut beeinflussen. Dies nennt man Suggestion. Eine Positive Suggestion ist 100 Mal so viel Wert wie eine negative Suggestion. Leider sind bei depressiven Menschen wie ich eins war, nur negative Gedanken im Kopf und kaum bis gar keine positiven.
    Ich hoffe ich konnte dir etwas weiter helfen. auf meinem Blog stehen Wege seine Gedanken so zu beeinflussen das man wieder völlig gesund wird. Ich habe es auch geschafft. Ihr könnt es auch!
    Ich hoffe ich konnte Euch helfen. Lieben Gruß und einen schönen Abend!

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  3. Lieber Paul
    das ist wirklich keine schöne Entwicklung mit Frau Hämmerle. Ich kann verstehen wie sich Paula wohl fühlen mag. Aber ich bin sicher sie wird mit deiner Hilfe und mit Hilfe ihrer neuen Therapeutin einen Weg aus ihrem Leben im Grauen herausfinden.
    Ich selbst bin leider auch betroffene, wie Paula, und Angehörige wie du. Lange war es mir nicht bewusst, dass meine verstorbene Mutter durch die Depression erst in eine Abhängigkeit durch Alkohol geraten ist. Sie hat sich damit betäubt. Als Kind versteht man das nicht… Auch nicht, wenn der Vater (selbst ich würde mal sagen eher eine narzisstische Persönlichkeit und leider wohl das Gegenteil von dir Paul) es den Kindern als blosse Boshaftigkeit der Mutter beschreibt, als "es ging ihr doch einfach wohl viel zu gut und aus Langeweile hat sie dann gesoffen um mir eins auszuwischen…".
    Auch meine Grossmutter väterlicherseits, war mit Anfang 30 depressiv, nahm schwere Medis, ging in Schlafkur, war ihr lebenslang abhängig von Schlafmitteln. Aber alles wurde unter den Teppich gekehrt. Meine Eltern liessen sich scheiden (gottseidank, denn es war nicht auszuhalten beide in einem Raum). Mein Vater zog einen bösen Scheidungskrieg durch, meine Mutter wurde immer kleiner, verschwand fast. Fing sich irgendwann wieder, wurde krank, starb… Eine traurige Geschichte hatte ihr Leben. Aber ich möchte aus dieser lernen. ich möchte aus der D. herausfinden und mein Glück geniessen. Denn ich habe Glück. Ich habe einen tollen Mann der für mich da ist, ein gesundes Kind, einen Job der mir liegt und durch die D habe ich das alles fast verloren. Wenn man einen Mensch an der Seite hat, der zu einem steht egal wie wenig man zurück geben kann, dann wird man lernen zu kämpfen. Man wird es schaffen, auch durch die Hilfe die solche ehrlichen Blogs bieten. Meine Mutter hatte nicht die Informationen die man heute überall her bekommt. Sie hatte keine Gleichgesinnten mit denen sie sich austauschen konnte und sie hatte das Gefühl sie könne nichts daran ändern. Das ist bei mir anders. Ich habe Hilfe, ich habe Verständnis, habe eine ambulante Therapie (um eine stationäre kam ich immer herum) und finde langsam endlich zu mir selbst. Das erste mal in meinem Leben glaube ich… Ich habe eine Angststörung, welche mir kaum erlaubt mein Glück zu geniessen, weil ich ständig Angst habe ein Unglück könnte mir das alles wieder nehmen. Aber ich arbeite an mir und merke wie langsam meine Welt wieder mehr an Farbe gewinnt, der grau Schleier sich langsam lüftet… Ich wünsche euch sehr viel Kraft und ich freue mich für Paula und eure Jungs, dass sie in dir diesen starken Helfer haben.
    Haltet durch und findet euch wieder. Seit eine Familie in guten wie in schlechten Zeiten.
    Herzliche Grüsse
    Ella

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  4. Eure Geschichte berührt mich sehr. Gut, dass du darüber schreibt. Das tue ich auch. Es tut gut, es auszusprechen, finde ich. Alles Liebe für euch!

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  5. Auch ich war schwer depressiv, da ist jeder Tag eine Qual. Ohne Antidepressiva und Beruhigungstabletten konnte ich das Haus nicht mehr verlassen. Von den Beruhigungstabletten wurde ich dann Abhängig. Ich war nicht nur ausgebrannt - ich war schon fast verglüht und wollte nicht mehr leben. Durch die Medikamente habe ich 25 Kilo zugelegt, was mich noch depressiver machte. Eine schwere Depression ist keine leichte Gemüts-Verstimmung, sondern eine schwerwiegende Krankheit die zum Suizid führen kann. Ich musste mich entscheiden, entweder ein Lebenlang von Medikamenten und Therapeuten abhängig sein, oder mein Leben selbst wieder in die Hand nehmen. Mit Gottes Hilfe habe ich den Absprung geschafft und bin heute wieder geheilt und frei von Medikamenten. Ich habe meine Erfahrung in einem Buch beschrieben. "Gott sein Dank, Gott ist wieder angesagt!" Depressionen? Nein Danke! Gott möchte nicht, dass wir Trübsal blasen. "Wer Gott hat, der hat das Leben." http://r-maass.jimdo.com/

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