Samstag, 1. August 2015

Training

Woran man Modewörter erkennt?“, fragt Kurt Tucholsky. Und antwortet gleich selbst: „Man erkennt sie nicht, man muss das fühlen.“ Mir fallen „Heuschrecken“ oder „Wutbürger“ ein. Und „Helikoptereltern“, die ihrem Nachwuchs jeden Wunsch erfüllen, sich eigentümlich konsequent für sein Wohlergehen einsetzen und sich mit ihm verbünden.

„Menschenskind“, tippe ich in eine SMS, „nu isses soweit: Frau Napf wird 29! Da gratuliere ich allerherzlichst, wünsche Glück, Gesundheit und Geduld. Außerdem freue ich mich auf ein gemeinsames Gläschen.“ Marlies – das ist Frau Napf – reagiert sofort. Nicht etwa, weil es ihr schmeichelt, dass ich ihr bereits zum 14. Mal zum 29. gratuliere. Nein, wir waren Kollegen. Vor vielen Jahren schon. Verstehen uns bis heute gut. Wir verabreden uns für Mittwoch. Auf ein Gläschen. Oder zwei.

Ich schreibe noch eine SMS. An Paula. Um sicherzugehen, dass dieser Mittwochabend klargeht. Am Dienstag klären wir, dass ich nach der Arbeit zum Abendessen nach Hause komme und mich mit Marlies erst um halb neun treffe.

Ich safte, bin eben nach Hause gekommen. Die zehn Kilometer auf dem Rad vom Büro sind bei 25° C ziemlich schweißtreibend. (Ich habe weder ein Pedelec, noch fahre ich im Rentertempo.) Während ich mir die Radhandschuhe ausziehe, kommt Paula aus der Küche:

„Du …?“, sagt sie. Um genau zu sein, sagt sie: „Duhuuu?“ – zwei Silben mit Signalwirkung: Achtung, jetzt kommt was. „Wolltest du nachher mit dem Auto in die Stadt fahren?“, fragt sie.

„Äahh …“, für ein paar Sekunden zögere ich. Spiele die Vereinbarungen für heute Abend im Kopf durch. Ich finde nichts, was mir falsch vorkommt. „Das haben wir doch so besprochen“, sage ich mit ehrlicher Überzeugung.

„Der Jakob (unser Ältester) ist im Training“, sagt Paula, „wenn du direkt um acht am Sportplatz bist und ihn abholst, kommst du vielleicht nur zehn Minuten zu spät.“

Mein Wutaggregat vibriert:
„Wieso ist heute Training? Am letzten Schultag. Du hast selbst gesagt, letzte Woche sei das letzte Mal gewesen.“ Paula streitet das ab.

Die Vibrationen in meinem vegetativen Nervensystem werden stärker:
„Warum hast du das denn gestern Abend nicht gesagt?“, frage ich.

Sie hätte es nicht gewusst.
„Das mit dem Training“ hätte sich erst heute ergeben, behauptet Paula.

Mein Tonfall wird giftig:
„Verdammte Hacke, warum rufst du mich nicht an, um das zu klären? Das kostet dich zwei Minuten deines Lebens. Eine SMS geht noch schneller. Wo ist das Problem?“

Wir hätten nicht besprochen, dass ich das Auto nehme wollte, hält Paula mir nun vor.

„Herrgott nochmal“, belle ich, „selbst wenn dem so wäre: Warum hast du mich dann nicht angerufen, um es zu besprechen? Wenn etwas unklar ist, muss man es klären.“

Das sei doch nicht schlimm; es wären doch nur zehn Minuten, die ich zu spät käme, lautet Paulas nächste These.

Ich raste aus:
„Das, meine Liebe, das entscheide ich immer noch für mich selbst, ob es schlimm ist, wenn ich zu spät komme. Das ist mal wieder typisch, dass hier Pläne gemacht werden über meinen Kopf hinweg. Wunderbar, soll der Alte doch bleiben, wo er will. Alles, alles mal wieder zu meinem Nachteil.“ Ich poltere die Treppe nach oben ins Bad, reiße den Duschvorhang zur Seite und den Warmwasserhebel nach oben. Dann postiere ich mich am Treppengeländer: „Aber bitte, ich kriege das schon irgendwie hin. Fahre ich eben mit dem Rad. Kannst ihn dann selbst abholen“, knalle ich im Kasernenton raus.

Es werden drei Gläschen, die ich mit Marlies trinke. Es ist deutlich nach Mitternacht, als ich heute zum vierten Mal auf der Strecke zwischen Stadt und Zuhause bin. Ich spüre wie mein Kopf dröhnt, ich spüre, wie mein Allerwertester auf das harte Leder des Sattels drückt, ich spüre, wie meine Oberschenkel brennen.

Kurt Tucholsky war ein kluger Kopf.


Kommentare:

  1. Schreiben ist wie Küssen, nur ohne Lippen.
    Schreiben ist Küssen mit dem Kopf.

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  2. Schade, dass solch tolle Kommentare anonym abgegeben werden. (Andere übrigens auch ... ;-))
    Wenigstens mir gegenüber könntet ihr euch zu erkennen geben, z. B. damit wir uns weiter austauschen können. Das könntet Ihr mit einer PN auf der Facebookseite machen (https://www.facebook.com/pages/Depression-essen-Beziehung-auf-Der-Blog-von-Paul-Kurz/350136621761873) oder in einem separaten Kommentar. Da ich die Kommentare moderiere, werden z. B. E-Mailadressen nicht veröffentlicht. Also .. nur zu.
    Liebe Grüße Paul Kurz

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  3. Toll geschrieben, ich kann mir die Situation richtig vorstellen. Ich hätte übrigens ähnlich reagiert. Im nachhinein tut es mir dann Leid, weil ich nicht sicher bin ob mein Verhalten angemessen war. Lieber Paul, damit ich nicht anoym bleibe:

    https://hoffnungsblym.blogspot.de/

    Pius Blym

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