Donnerstag, 28. März 2013

Service/Wüste

„Das wieder Beweis … alle … Psychiatrie arbeiten … selbst einen an der Klatsche … heute Morgen da hinkomme … Sprechstundenhilfe hat Tränen … entschuldigen Sie … Verzug … Computer … Problem … Patientenprogramm nicht hoch … Karte gar nicht einlesen … furchtbar … Formular ausfüllen … vom Wartezimmer Behandlungsraum … Frau Doktor hektisch auf und ab … Telefonhörer am Ohr … laut und keifend … staucht Serviceberater der Softwarefirma … ich aufgerufen… in Zimmer … gute Frau wieder am Telefon … Einrichtung inspiziert und meine Fingernägel … Gezeter fertig … in epischer Breite schildert … EDV nicht funktioniert … nur genickt … was hätte ich sagen sollen … sie nicht unnett … auch nicht überzeugend professionell … in meiner Gegenwart Dienstleister zur Minna macht … gerne wissen … ihr Alter … vielleicht so wie wir… kann auch jünger … vielleicht Kinder … letzte 20 Minuten … lapidar … ich erzähle aus meinem Leben … Versuch … Kürze zu schildern … wie es mir geht … wie lange … schon einmal Therapie … und Antrag für weitere stationäre Behandlung besprechen … soll Antrag … ausfüllen und schicken … kurz ihr Statement drauf … allerdings zwei Wochen Urlaub … Scheiße … vorher gewusst … Antrag vor einer Woche … dann jetzt … Antrag längst stellen … wieder ein paar Wochen verloren … nicht vor Juni … oder Juli … Sommerferien gleich vergessen … bürokratischer Scheiß … Anträge nicht stellen … Krankenkassen ihr Geld horten … frage Frau Hämmerle … Psychiaterin persönlich kennt … Kacke … halben Tag vertrödelt … besser nutzen können … wir übermorgen in Osterurlaub … schon Siebensachen herrichten … Morgen wieder Frühdienst.“

Paula grollt über den Besuch bei einer Psychiaterin, die ihr Frau Hämmerle, ihre Psychotherapeutin, empfohlen hat. Diese Sprechstunde ist seit fast sechs Wochen geplant. Paula hat ihn so herbeigesehnt. Sie will unbedingt eine stationäre Therapie machen. Wir haben das längst geplant, die Organisation mit unseren (Schul)kindern und der Dorfhelferin längst durchgespielt.

Leider kriege ich von Paulas Lamento nur die Hälfte mit. Ich habe heute im Büro eine aufwändige PowerPoint-Präsentation erstellt. Meine Augen brennen von dem ewigen Gestarre auf den Bildschirm. Ich verzichte deshalb auf die abendliche Buchlektüre. Paula aber liest. Und liest. Und liest. Ich weiß, dass der Termin bei der Psychiaterin heute stattgefunden hat. Ich weiß, dass Paula darüber sprechen will. Und ich spüre, dass sie angespannt ist. Aber sie liest. Ich habe Mühe, mich wach zu halten. Aber es muss sein. „Halt dich aufrecht, Junge“, befiehlt mir der Empathiebeauftragte in meinem Kopf, „bleib‘ bei ihr; es kann sich nur noch um eine Minute handeln.“ Es werden vier, vielleicht fünf, bis Paula endlich ihr Buch weglegt und das Licht löscht. Zwischen dem bereits wilden Gebräu aus Nachtelben, Schlafgeistern und Ideen für die Optimierung der PowerPoint-Präsentation schaffe ich eben ein lallendes „Und erzähl‘ …“. Und Paula erzählt.

Als ihre Geschichte zu Ende ist, legt sie den Kopf auf meine Schulter; ich meinen Arm um sie. Ich streichle ihr Gesicht. Sofort spüre ich die Tränenspur auf ihrer Wange. Nur mit Mühe schafft es meine Lippenmotorik die Schwere des Schlafs nochmals für einen Augenblick ungelenk zu überwinden: „Ist sonst noch was?“. Paula sagt: „Ach, ich bin irgendwie so traurig heute.“

In der Nacht träume ich von unserem letzten Mallorca-Urlaub: Am Strand streunen Frauenfiguren in weißen Praxiskitteln umher. Sie fragen mich, ob ich „kaufe wolle Sonnebrill von echde gudde originale Qualitäten fur mein hubsche Frau“. Einer besonders aufdringlichen Figur zertrümmere ich in einem Schreianfall den Schädel mit der Computermaus. Das Luder stürzt zu Boden, aus der Karkasse ihres Kopfes springt ein Osterhase heraus und hoppelt im blendenden Sonnenlicht davon.

Ich fühle mich leer.


Samstag, 23. März 2013

Knoblauch geht ab und wir gehen steil*

Party’s over. Schön war’s. Sehr schön. Paula und ich haben es lange ausgehalten. Die Leute waren nett. Die Drinks lecker, sagt Paula. Ich bleibe meistens beim Bier. Wir sind die letzten, die gehen. Wie früher oft. Allerdings Stunden früher. Wir tänzeln die Straße entlang zum Auto. Das ist ein Stück Wegs; in der Einbahnstraße sind die Parkplätze rar. Deshalb haben wir uns vorhin den ersten geschnappt, der frei war. Im Schatten eines Baumes ziehe ich Paula an mich heran. Hier und jetzt habe ich Lust zu knutschen – so richtig pubertär, mit allem Drum und Dran. Naja, wir sind fast fünfzig Jahre alt, es klappt nicht (mehr) so wie vor 30 Jahren. Intensiv und aufregend ist es trotzdem.

Beim Einsteigen ins Auto rücke ich die Dinge in meiner Hose mit einer schnellen, tausendfach praktizierten Handbewegung zurecht. Mein Alkoholpegel ist mit der Straßenverkehrsordnung nicht mehr kompatibel; das Wohngebiet ist Zone 30. Ich ignoriere das; zu mächtig und eindeutig ist das gegenseitige Verlangen. In acht Minuten sind wir zu Hause. Ich spute mich, ins Bad zu kommen. In hohem Bogen feuere ich meine Klamotten mit Händen und Füßen vor den Wäschekorb. Zähne putzen, frisch machen, ab in die Heia.

Paula braucht ein paar Minuten länger. Lange genug für die Promille, mich schachmatt zu setzen. 'Wohliger Dämmerschlaf‘ ist wohl der treffendste Terminus für den Zustand, in dem ich mich befinde, als Paula ins Bett kommt. Das Verlangen ist immer noch unmissverständlich. Naja, wir sind beide fast fünfzig Jahre alt. Wir schlafen am frühen Morgen miteinander. Das ist unsere Lieblings-Miteinander-Schlafen-Zeit. Ich mag das. Im Dämmerlicht sieht Paula sehr schön aus. Langsam, ruhig und zärtlich genießen wir uns. Wir sind uns sehr nah.

Gegen elf Uhr schlüpft der Jüngste zu uns ins Bett. Er hat Kohldampf, hat den Frühstückstisch bereits gedeckt. (Das Aufstehen ist ein kleines bisschen peinlich; wir sind beide nackt.) Die Stimmung ist bei allen entspannt. Am Nachmittag näht sich Paula eine Handtasche; ich spiele mit den Kindern, unter anderem eine Runde Trivial Pursuit, die ich knapp um eine saublöde Wissenschaft-und-Technik-Frage verliere. Unterschätze nie einen Achtklässler! Am Abend koche ich Spaghetti Aglio e Olio. Das ist schnell gemacht und sehr lecker. Der Tatort ist recht passabel, die Kinder streiten nicht ganz so doll wie sonst. 

Paula kann in dieser Nacht nicht schlafen. Ich auch nicht. Wir wälzen uns eine Zeit herum. „Mann, täusche ich mich oder ist es hier so warm?“, frage ich. „Keine Ahnung“, antwortet Paula, "mir ist jedenfalls auch ziemlich heiß.“ Mein Blödelaggregat springt an und ich sage: „Wir könnten uns ausziehen und aufeinander legen!“ Paula muss lachen. Wir schubsen unsere Decken beiseite, kuscheln uns aneinander. Ich meinem Kopfkino läuft unsere ganz persönliche „Tagesschau“ und sanft dämmere ich ins Land der Träume hinüber.

Mit einem Ruck dreht sich Paula zu mir um. Ich stutze ein Sekündchen. Dann bin ich hellwach. Paula fällt über mich her, ungestüm reißt sie mir Shirt und Slip vom Leib. Sich auch. Sie kommt direkt zur Sache. Ich richte mich auf und bin dabei. Wir fallen übereinander her. Sie will mich. Ich will sie. Der Raum dampft, es riecht nach purem Sex. Wir haben puren Sex. Schnell und hart. Paulas geschmeidige Hitze umfängt mich. Ich habe meine Hände überall an ihr. Dann verschlingen wir uns. Ich sie. Sie mich. Wir fordern das Höchste voneinander. Gierig und erbarmungslos. Wir geben es uns. Lautstark, ohne Hemmungen. Japsend sinken wir zurück; unsere Schenkel sind unsere Kissen. „Mir ist jedenfalls auch ziemlich heiß“, hat Paula gesagt. Ich spüre jetzt, was sie gemeint hat und lächle in das Dunkel des Schlafzimmers, das sich langsam abkühlt.

Wieder unter der Decke quatschen wir eine ganze Weile darüber, wie wir das Leben als Paar mit Paulas Depression empfinden. In aller Ruhe.

Ein wirklich harmonischer Sonntag.


*Frei nach dem Refrain des Songs "Schwinger": "Seeed geht ab und ihr geht steil ..."


Freitag, 22. März 2013

Chorchaos/Chaoschor

Totenstille. Ich wage es kaum, die Wohnungstür ins Schloss fallen zu lassen. Ich benutze die Klinke. So wie ich es den Kindern immer sage. Die Kinder sind nicht da. Wahrscheinlich irgendwo kicken im Dorf. Auch von Paula keine Spur. Sie hat sich hingelegt. Das macht sie immer, wenn sie Nachtschicht hat. Das kommt mir ganz gelegen. Ich habe in der Mittagspause eine neue CD gekauft: Randa and the Soul Kingdom „What you need“. Die kann ich jetzt ungestört hören. Ich bin hundemüde. Die Woche war pickepacke voll mit Terminen. Für uns alle. Ich nicke ein. Erst beim achten Song, „Be yourself“, werde ich wieder wach. Nicht wegen des knallharten Soulrhythmus‘. Paula kommt die Treppe herunter. Im Bademantel. Ich rapple mich auf. Drücke ein mattes „Hallo“ ab. Paulas „Hallo“ ist nicht weniger matt. Ich stehe etwas verloren in der Küche herum, während sie die Kartoffeln aufsetzt.

„Ich habe den Kindern gesagt, sie sollen um halb sieben hier sein“, sagt Paula, wir müssen heute früher essen. Ich muss um halb acht zur Generalprobe vom Chor“. Ja, weiß ich“, sage ich, obwohl ich nicht weiß, wann die Probe anfängt. „Soll ich“, fragt Paula, „meine Plünnen für den Nachtdienst gleich mitnehmen, falls die Probe länger dauert. Oder soll ich nochmal nach Hause kommen, bevor zum Dienst gehe?“ De facto bleiben zwischen Probenende und Aufbruch zum Dienst 35 Minuten. Ich analysiere: „Naja, es gibt doch nur zwei Möglichkeiten: Wenn du dein Zeug gleich mitnimmst, kannst direkt zum Dienst fahren ohne in Stress zu kommen. Wenn du nochmal heimkommen willst, musst eben rechtzeitig gehen, egal ob die Probe zu Ende ist.“ „Ja, stimmt“, sagt Paula tonlos. Mehr nicht.

Während sie ansetzt, die Zutaten für die Beilagen aus dem Kühlschrank zu holen, klagt sie weiter: „Ach, das klappt alles gar nicht. Die Tenöre haben gestern in der Probe komplett versagt.“ Ich nehme ihr den Lachs ab, „lass nur, ich mach‘ das. Du kannst dich ja anziehen.“ Sie zieht sich an und kommt danach wieder in die Küche: „Ich habe überhaupt keine Lust, in die Probe zu gehen.“ Ich wasche die Tomaten und nehme diesen Satz zur Kenntnis. Mehr nicht.

Die Jungs kommen nach Hause. Stinken wie die Otter und sehen auch so aus. Wir scheuchen sie ins Bad. Nachdem sie sich eher notdürftig den Bolzplatzmatsch von den Gliedern gekratzt haben, gibt es Abendessen. Sie schildern ihre Heldentaten, sind ziemlich aufgekratzt und eine Spur zu laut. Werde ich mich nicht dran gewöhnen. Paula stochert in der einzigen Kartoffel, die sie sich genommen hat: „Ich habe irgendwie keinen Hunger.“ Den Kindern ist die Bananenflanke von Samuel in der zweiten Halbzeit wichtiger. Ich sehe Paula an. Mehr nicht.

Wir sitzen noch ein paar Minuten zusammen, die Kinder beraten sich nun über das TV-Programm des Abends. Paula unterbricht die Debatte: „Hoffentlich ist es Morgen nicht so kalt in der Kirche während des Konzerts. Ich weiß gar nicht, was ich anziehen soll. Vielleicht eine Hose; im Rock habe ich beim letzten Konzert gefroren.“ Mir scheint der Gedanke folgerichtig: „Ja, mach doch“, sage ich. Mehr nicht.

Pünktlich um halb acht bricht Paula zur Probe auf. Die Tasche für den Dienst nimmt sie nicht mit. Die Kinder ziehen sich einen Bud-Spencer-&-Terence-Hill-Filme rein. Ich surfe im Internet. Der Film ist gerade zu Ende, als Paula zurückkommt. Die Art, wie sie die Handtasche auf den Garderobenstuhl knallt, nimmt ihre Stimmung vorweg. Sie explodiert: „Ich weiß überhaupt nicht, wie Günter (das ist der Dirigent) sich das vorstellt. Da klappt nichts. Das Orchester hat einen Scheiß gespielt. Im Chor war Vollchaos. Wir sind halt keine Profis. Wir brauchen mehr Proben. Das geht so was von in die Hose Morgen.“ Sie setzt sich an den Tisch. Vergräbt das Gesicht in den Händen.

Das ist jetzt genug! Mit leicht belehrendem Unterton bitte ich sie: „Dann lass‘ es doch. Den Stress musst du dir nicht reinziehen.“ Ich ahne, dass das sinnlos ist: „Nein, ich gehe da schon hin. Das kann ich nicht bringen, beim Konzert nicht mitzusingen.“ Sie geistert eine viertel Stunde durch die Wohnung, putzt sich die Zähne. Dann zieht sie sich den Mantel an, um zum Nachtdienst zu gehen. Die Tür fällt ins Schloss.

Totenstille.

Sonntag, 17. März 2013

Gut drauf

„Am Samstag gibt’s eine Erwachsenentanzparty bei Arnaldo und Adrian. (So heißen die Inhaber einer der Tanzschulen in der Stadt.) Paula und ich werden wohl hingehen. Seid ihr dabei?“ Alle, die diese SMS bekommen, melden sich noch am selben Vormittag: Ansgar und Beate haben Besuch von Ansgars Mutter, die sich nicht zum Babysitten überreden lassen will. Sandra und Fritz gehen zu einem Gedenkgottesdienst für eine Bekannte; in Tanzlaune sind sie nicht. Ingrid fehlt der Tanzpartner: Franz-Heinrich ist auch übers Wochenende geschäftlich unterwegs. Anne und Heinz-Dieter kommen sowieso nicht: Hans Dieter hat sich vor zwei Wochen das Schlüsselbein gebrochen; „wir können rein technisch nicht“, steht neben den fünf traurigen Smileys in Annes Antwort. Claudine und Dieter finden (auch) keinen Babysitter. Ich rufe Paula an. Wir beschließen, alleine zur Party zu gehen. Aber „wir müssen uns ja nicht zwingen“, meint Paula. Ist völlig okay, dass sie sich das Hintertürchen aufhalten will, falls ihr Stimmungsbarometer am Samstag nicht auf Party steht. Wir hätten dann ja beide keinen Spaß. Trotzdem rolle ich innerlich mit den Augen. Weil ich Lust habe, auszugehen.

Am Samstag stelle ich meine Depressionsantennen auf volle Leistung. Beargwöhne jede einzelne Bewegung von Paula. Höre genau hin, wenn Paula spricht. Der kleinste Unterton soll mir auffallen. Bei der Planung für das Abendessen setze ich auf leicht(verdaulich)e Kost. Wäre nicht zum ersten Mal, dass uns nervöse Darmreaktionen einen Abend vermiesen. Das bemerkt Paula natürlich. Sie sagt aber kein Wort. Nicht ein fragender Blick streift den meinen. Das bemerke ich natürlich. Wir sind mittelmäßig angespannt, aber letztendlich – das sagen mir meine Antennen – haben wir beide Lust, auszugehen.

Wir lassen uns etwas Zeit. „Wir müssen ja nicht um Punkt Acht auf der Matte stehen“, meint Paula. Ich habe eine DVD aus der Videothek geliehen. Für die Kinder. Das ist billiger als jeder Babysitter. Und genau so effektiv. Ich lege die DVD ein und eine Tüte Erdnussflips auf den Couchtisch. Auf der Fahrt in die Stadt berichte ich Paula von dem neuen Projekt, das wir letzte Woche für die Firma an Land gezogen haben. Und darüber, dass ich in der kommenden Woche doch (noch) nicht zu diesem Neukunden fahren muss. Die Anspannung löst sich. Wir ergattern einen Parkplatz direkt vor der Tür der Tanzschule.

Das Parkett ist bestens gefüllt. Noch bevor wir uns einen Sitzplatz suchen, hole ich an der Bar eine große Flasche Wasser und ein Bierchen für mich. Als wir uns setzen, wird ein Tango Argentino gespielt. Können wir sowieso nicht. Zur folgenden Rumba fordere ich Paula auf. Die können wir ziemlich gut. Und es läuft besser: Wir kriegen alle Figuren hin. Wir schaffen auch ein paar Figuren im Jive, mit dem ich derzeit etwas auf Kriegsfuß stehe. Wir kommen richtig in Fahrt. Lassen keinen Tanz dieser Tanzrunde aus. Ziehen alle neun Tänze durch. Sogar den Wiener Walzer, den die DJane volle sechs Minuten ausspielt, um dann einen gehässigen Spruch über die Kondition der Anwesenden abzufeuern. Paula und mich kann sie unmöglich meinen. Wir lassen nur den Paso Doble aus; den können wir nämlich nicht. (Wollen wir auch nicht.) Nach einem kurzen Zug aus der Bierflasche – Paula nippt natürlich feminin am Wasserglas – nehmen wir die nächste Runde in Angriff. Langsamer Walzer, Tango, Wiener Walzer, Slow Foxtrott, Quickstep, Rumba, Chachacha, Salsa, Jive. In meinem Knochengebälk knackt es gehörig. Aber es macht mir unheimlich Spaß. So gut haben wir schon lange nicht mehr getanzt. So gut haben wir schon lange nicht mehr harmoniert. 

In einer Swingrunde (können wir auch nicht; beschließen aber „irgendwann auch mal einen Kurs zu machen“) geht Paula zur Toilette. Sie kommt zurück; ich staune. Sie hat ihre Bluse ausgezogen. Es ist mittlerweile ganz schön dampfig im Tanzsaal. In ihrem engst anliegenden schwarze Top sieht sie sehr sexy aus. Ich bilde mir ein, dass alle Kerle ihre Augen auf sie richten. Beim nächsten Langsamen Walzer sage ich ihr grinsend, dass sie dieses Top in der Öffentlichkeit nicht mehr tragen kann. Sie lacht und fragt: „Warum?“ „Ich kann“, lautet meine Antwort, „nicht zulassen, dass die anderen Männer alle neidisch werden“. Als wir aufbrechen, sind nur noch drei weitere Paar im Saal. Trotzdem gehen wir noch auf einen Cocktail in unsere Lieblingsbar. Wir sind – auf gut Deutsch – saumüde – reden nicht mehr sehr viel. Das müssen wir auch nicht. Ich sage Paula nur: Das hat mir sehr viel Spaß gemacht heute.“ „Ja, das war schön“, sagt Paula.

Für einen wunderbaren Abend lang habe ich Paulas Depression vergessen.

Samstag, 16. März 2013

Rituale

„Morgen! Morgen Kinder, geht’s in den Urlaub. Wir wollen früh losfahren. Damit wir nicht so spät am Atlantik ankommen. Außerdem müssen wir nicht so lange während der Tageshitze im Auto sitzen.“ Die Kinder sind aus dem Häuschen. Alle gehen früh ins Bett. Um vier Uhr in der Frühe gibt es Nutellabrot und Apfelschorle, um sechs Uhr sitzen alle voller Vorfreude im Auto. Der Kofferraum quillt schier über vor lauter Bade- und Sandelzeug. Kaum zehn Kilometer hinter dem Ortsschild geht es los. Plötzlich. Lautstark. Verletzend. Mama und Papa streiten. Die Kinder erstarren auf den Rücksitzen. Mucksmäuschenstill krallen sie ihre Hände in das Polster. Oder in Wuffi, den verlutschten Stoffhund. Dann – nur noch das Rauschen der Reifen auf dem heißen Asphalt. Der Fahrtwind pfeift an der Antenne. Der erste Urlaubstag ist im Eimer. Vielleicht sogar der ganze Urlaub. Erholung? Fehlanzeige!

Diese Geschichte vom Ehepaar „X“ erzählt uns Herr Meyer, der Paartherapeut, den Paula und ich konsultieren. Es hat mal wieder zu lange zu heftig zwischen uns gerau(s)cht. Herr Meyer referiert über Alltagsrituale: Ehepaar „X“ habe – vollkommen unbewusst – diesen Urlaubsstreit ritualisiert. Um die Kinder – ganz buchstäblich – mundtot zu machen. Damit Papa auf der langen Fahrt an den Atlantik (seine) Ruhe hat. Für zuhause gibt uns Herr Meyer die Frage mit, was wir ritualisiert hätten. Auf der Fahrt nach Hause müssen Paula und ich lachen: Wir? Rituale? Und womöglich welche, die wir unterbewusst für die Erfüllung egoistischer Bedürfnisse nutzen? So ein Quatsch mit Soße. Da sind wir sicher. 

Einmal pro Woche – das ist längst kein Geheimnis mehr – gehen Paula und ich zum Tanzzirkel. Leider ist ausgerechnet an diesem Tag obendrein viel los: Das ältere Kind muss zum Training gebracht und von dort wieder abgeholt werden. Letzteres eine halbe Stunde vor dem Beginn des Tanzabends um ein Viertel vor neun. Irgendwann zwischen Feierabend, Trainingsende und Tanzbeginn wollen wir – vor allem die Kinder – etwas futtern. Abgesehen davon haben Paula manchmal, ich immer einen langen Arbeitstag hinter uns. Um sowohl die nervliche als auch die zeitliche Belastung nicht unnötig in die Höhe zu treiben, haben wir den Ablauf dieses Abends verbindlich festgelegt: Ich komme eine halbe Stundefrüher „als„normal“ vom Büro nach Hause, Paula, das jüngere Kind und ich essen dann gleich zu Abend, danach hole ich das andere Kind vom Training ab, das dann alleine essen muss. (Jeder hat seinen Beitrag zu leisten!)

Seit Paulas Depression wieder hochkocht, fällt uns das Tanzen schwer. Zuweilen stehen wir uns nur noch im Wege herum. Wir tanzen eher gegen- als miteinander. Wir fetzen uns. Vor allen anderen. (Das ist nicht so peinlich, wie man denken könnte. Die anderen Paar fetzen sich auch. Wir kennen uns alle seit Jahren.) Und seit Paulas Depression wieder hochkocht, hat das Attribut „verbindlich“ seine Bedeutung eingebüßt, restlos: In einer Woche komme ich nach Hause, Paula hat noch nicht einmal damit angefangen, das Abendessen vorzubereiten. „Ich habe es einfach nicht geschafft.“ Ein andermal ist zwar ein Eintopf gekocht, aber Paula nicht da. „Ich habe den Feierabendverkehr auf dem Heimweg von einer Patientin unterschätzt.“ Klar, auch ich kam ein-, zweimal „normal“ nach Hause, also später, als verbindlich vereinbart: „Das Telefonat mit dem Kunden dauerte länger. Ich habe den Zug verpasst.“ Und so weiter, und so fort … So angestrengt ich auch nachdenke, an maximal einem der „Tanz“abende der letzten Saison sind wir einigermaßen ausgeruht zum Tanzzirkel gekommen. Wir stehen uns nur noch im Wege herum. Wir tanzen eher gegen- als miteinander. Wir fetzen uns. Dieser Abend ist im Eimer. Vielleicht sogar die ganze Saison. Entspannung? Fehlanzeige!

Obwohl wir vor ein paar Wochen „eigentlich weiter in den Tanzzirkel gehen“* wollten, haben wir unseren (Tanz)freunden in dieser Woche mitgeteilt, dass wir nächste Saison nicht dabei sein werden. Quatsch mit Soße gibt es eben nicht.


*siehe Post „Totentanz“ vom 2. Februar 2013